Falsche Tipps: Die Ich-Perspektive

In Schreibforen kursieren viele Tipps und auch die Zahl der regelrechten Schreibratgeber – ob nun als Buch oder per Blog beziehungsweise Homepage – steigt stetig. Manchmal wird da Unfug erzählt, noch öfter passiert es, dass eher vage Faustregeln als DIE Weisheit für alle Lebenslagen verkauft werden.

Nehmen wir zum Beispiel die gern suggerierte Aussage, die Ich-Perspektive sei (neben der Wahl der Gegenwart als Erzählzeitform) DAS Mittel, einen unmittelbaren Text zu erzeugen und den Leser so richtig tief ins Geschehen zu holen.

Es stimmt tatsächlich, dass man als Leser, der den Ich-Erzähler begleitet bzw. ihm zuhört, eine Nah-Sicht auf das Geschehen bekommen kann. Vorausgesetzt, der Ich-Erzähler hat diese Nah-Sicht auch. Das ist zwar meist der Fall – in der Regel ist dieses Ich an der Handlung beteiligt oder sogar Hauptfigur – aber nicht zwingend.

Es stimmt auch, dass ein Ich-Erzähler sehr unmittelbar seine Gedanken und Gefühle zum Geschehen äußern und damit dem Leser mitteilen kann. Auch das ist zwar in den vom Ich-Erzähler stark geprägten Genres oft der Fall, aber es ist noch weniger zwingend als die Nah-Sicht. Zum anderen ist dieses Zeigen von Gefühlen und Gedanken durchaus nicht an die Ich-Perspektive gebunden – in der personalen Erzählweise wird es fast ebenso ausgiebig praktiziert und auch bei einem auktorialen Erzähler ist das durchaus eine Option.

De facto entbindet die Wahl des Ich-Erzählers als Perspektive nicht davon, all die Mittel zu nutzen, die auch bei jeder anderen Perspektive für den gewünschten Abstand (hier also die Nähe und „Einbindung“ des Lesers) sorgt. Das beginnt mit der Glaubwürdigkeit von Figuren und Plot, reicht über ein wirkungsvolles Infomanagement (zum Spiel mit der Spannung) bis hin zu stilistischen Aspekten wie Sound und Rhythmus.

Um nicht missverstanden zu werden: Dies hier ist kein Plädoyer gegen die Ich-Perspektive. Es ist nur eines gegen den Glauben, das sei ein hinreichendes Mittel, um den Leser „in den Text zu holen“. Dieser Irrtum führt nämlich oft genug dazu, dass Autoren sich den Schwierigkeiten und Zwängen, die diese Perspektive mit sich bringt, aussetzen – und dabei nicht selten Fehler machen –, ohne zugleich deren spezielle Möglichkeiten zu nutzen. Oft kommt einfach nur ein Text heraus, der ohne jeglichen Verlust oder Gewinn in eine personale Erzählweise übertragen werden könnte.

Was genau also kann die Ich-Perspektive?

Wie in einer sehr eng an der Figur gehaltenen personellen Erzählweise kann man mit dem Ich-Erzähler den Erlebensfokus extrem dicht an der entsprechenden Figur halten. Emotionen, Gedanken, Abwägungsvorgänge oder ihr Fehlen sind organischer Bestandteil dieser Perspektive. Das geht aber – wie schon erwähnt – auch ohne große Mühe mit der personellen Erzählweise.

Sinnvoll ist diese Perspektive, wenn der Ich-Erzähler etwas Erinnertes erzählt. Das heißt, dass der Ich-Erzähler vorgreifen oder Hintergründe und Zusammenhänge, von denen er später erfahren hat, zeigen kann. (Was sich bei den ich-lastigen Genres allerdings in der Regel damit beißt, dass diese auch noch die Gegenwartsform als Unmittelbarkeitswerkzeug bevorzugen. Aber dazu ein andermal.) Wenn es nur darum geht, tut es ein auktorialer Erzähler aber genauso gut.

Im Tagebuch-Roman (u. ä.) kann das Rückgreifen und Erhellen der Zusammenhänge in besonderer Weise gestaltet werden. Das ist eine typische Ich-Erzähler-Situation. Höchstens ein als Ich erkennbarer Fremderzähler passt hier noch; damit meine ich ein Ich, das zwar nicht an den erzählten Ereignissen beteiligt ist, aber von ihnen Kenntnis bekommt und nun erzählt, wie er/sie was erfahren hat.

In besonderem Maße ist die Ich-Perspektive aber geeignet, wenn es um den nicht vertrauenswürdigen Erzähler geht.

Das kann heißen, dass der Ich-Erzähler Dinge nicht objektiv wahrnimmt und also auch nicht so wiedergibt, wie sie wirklich sind/waren. Idealerweise (also wenn der Autor das geschickt macht) merkt der Leser aber irgendwann, dass hier eine verschobene Wahrnehmung oder sogar ein Selbstbetrug stattfindet. So etwas geht nur unter Mühen bei der personellen Erzählweise, und es geht nicht beim objektiven/neutralen Beobachter oder auktorialen Erzähler – in diesen beiden Fällen müsste explizit gekennzeichnet sein, wenn die Figur sich irrt.

Noch extremer ist der unglaubwürdige Erzähler, wenn er gezielt lügt. Etwas, was in der personalen Erzählweise so nicht möglich ist – da kann man die Figur zwar in ihrer Rede lügen lassen, aber nicht in den wiedergegebenen Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen.

Auch das stark manipulierende Erzählen ist am plausibelsten mit einem Ich-Erzähler oder einem als Ich erkennbaren Fremd-Erzähler (der nicht an der Story beteiligt war/ist, die er erzählt). Damit meine ich den Effekt, dass die Worte so gewählt werden, dass sie der Wahrheit entsprechen, im Leser/Zuhörer aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein falsches Bild erzeugen. Gezieltes Weglassen, manipulierende Detailinfos, zielgerichtete Mehrdeutigkeiten, Ausnutzen von sprachlichen Spielräumen etc. sind dafür typische Mittel.

Summa summarum: Die Ich-Perspektive ermöglicht Nähe und Unmittelbarkeit, garantiert sie aber nicht. Sie schafft Vertrauen in den Erzähler und ist zugleich ideal, dieses zu erschüttern. Die Ich-Perspektive ist ein Stilmittel – eines von vielen anderen, die ebenso keine Geling-Garantie bieten. Es gilt wie immer: Kann man machen – wenn man es kann.

Zipp zum Thema Perspektive: Robert Corvus auf youtube

Gendern – zwischen Ambition und Praxis

Das Thema ist nicht neu, aber es wird immer wieder diskutiert. Das Stichwort dazu heißt „Gendern“ und meint, man solle doch, wenn man sich in einer Aussage nicht auf Mann oder Frau festlegt, auch beide ansprechen. In der aktuellen Federwelt (ein Magazin für Autoren) wird das gerade mal wieder aufgegriffen – im Blog ist das nachzulesen.

Sandra Uschtrin, Chefin von Federwelt, ist fürs Gendern. Mehr noch, sie hält es für so wichtig, dass sie Artikel allein aus dem Grund abzulehnen bereit ist, wenn der/die AutorIn nicht bereit zum Gendern ist. Die Begründung – sie läuft auf „Sprache prägt das Denken“ hinaus – leuchtet ein. Und die schriftliche Lösung, die im Autorenmagazin zur Anwendung kommt, ist eine halbwegs elegante Version. Sprechbar ist „der/die AutorIn“ allerdings nur unter Aufgabe von Eleganz: Die krampfhaft vermittelte Korrektheit klingt nach staubigem Amts- oder sogar Juristendeutsch.

Das ist jedoch nicht der wichtigste Grund, warum ich eher auf Seiten von Andreas Eschbach stehe, der den Contra-Artikel verfasste. Auch nicht, weil ich seinen Schwerpunkt auf „künstlerische Freiheit“ so gut gelungen fände, denn das tue ich nicht. Aber ich teile die Ansicht, dass es sich bei der Gender-Manie um Augenauswischerei handelt. Das Beispiel, dass es im Vietnamesischen überhaupt keine grammatischen Geschlechter gibt, was trotzdem nicht zu einer völligen Gleichberechtigung von Mann und Frau geführt hat, trifft die Sache.

Dazu kommt, dass ich die Betonung des biologischen Geschlechtes sogar als diskriminierender empfinde. Ich mache die Arbeit, die ein Redakteur macht. Punkt. Ich schreibe Texte, wie ein Autor eben Texte schreibt. Punkt. Das tue ich auf meine eigene Weise, die – natürlich – auch dadurch geprägt wird, dass ich eine Frau bin. Aber auch die Herren Eschbach, King und Grass schreiben auf ihre jeweils eigene Weise und bekommen trotzdem keine Extra-Endungen beim Wort Autor.

Nun ist Gendern im Text – also beim geschriebenen Wort – oft recht einfach zu machen und wer das partout will, soll’s in drei Teufels Namen tun. Beim Vorlesen hapert es dann aber schon und bei Reden oder in Gesprächen wird es zunehmend albern. Das führt dazu, dass in Texten, die Gespräche wiedergeben, doch oft aufs Gendern verzichtet wird. Ab und an trifft man dann auf die Variante, dass – wie in einem weiteren Beitrag der aktuellen Federwelt – mal Autor und mal Autorin gesagt wird. Das ist aber spätestens dann die schlechteste Lösung, wenn – wie in jenem Interview – „gutes“ Verhalten mit Autoren, „nicht so gutes“ mit Autorinnen assoziiert wird. „Uups!“, kann ich da nur sagen.

Alles in allem: Ja, Sprache prägt das Denken. Aber Denken prägt auch die Sprache. Ich halte es für sinnvoller, das Denken zu ändern, es normal sein zu lassen, dass eine Berufsbezeichnung (u. ä.) nur den Beruf und nicht das Geschlecht des Ausübenden meint. Wenn das Geschlecht eine Rolle spielt, dann sollte das der erwähnenswerte Sonderfall sein.

Durchwachsen mit Highlights: „Im Licht von Orion“

Ich habe nicht viel Zeit und Muse, außerhalb des Jobs noch etwas zu lesen. Eine Geschichtensammlung kam mir da gerade recht. Science Fiction aus deutscher Feder verspricht „Im Licht von Orion“ aus dem Verlag für Moderne Phantastik. Warum der Untertitel („2015’ Collection of Science Fiction Storys“) englisch sein musste, wissen wohl nur der Verleger und die Herausgeberin Peggy Weber-Gehrke. Dass das Cover-Motiv sehr Fantasy-artig wirkt, störte mich hingegen überhaupt nicht. Außerdem kann man durchaus einen Bezug zum Inhalt herstellen – aber dazu später.

Zur Sammlung also …

Die Güte der Texte spannt sich über fast die gesamte Qualitätsbreite. Ganz dicht an „Das geht gar nicht“ bewegte sich zum Beispiel „Das Symbol“ von F. Anderson. Die eher krude Wüsten-Abenteuer-Story ohne nennenswerten Spannungsbogen, dafür mit emotionsloser, aber kitschig formulierter Love-Episode und wie abgehackt wirkendem Ausgang, der eine Weiterführung fürchten lässt, ist in einem Stil erzählt, wie ich ihn eigentlich nur von Erst-Schreibern (und welchen, die in dem Stadium steckenbleiben) kenne. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Es gibt noch eine zweite Story von F. Anderson in der Anthologie und diese ist zwar auch nicht perfekt – insbesondere die sehr unoriginelle Idee enttäuscht – aber doch um Längen besser erzählt.

Das betrifft auch die anderen Storys, die ich eher an der Nicht-so-überzeugend-Seite ansiedeln würde. Mal erreichte mich die offenbar beabsichtigte Stimmung nicht, mal fehlte mir bei aller Technikerklärung die Story, mal waren die Dialoge unglaubhafte Infodump-Vehikel. Einmal ärgerte ich mich über die verpatzte Pointe, die eine an sich witzige Wendung ins Kitschig-Alberne überdehnte. Dazu kommt, dass vor allem am Anfang so viel Setz- und Korrektoratsfehler enthalten sind, dass der Einstiegseindruck nicht eben überzeugend war.

Und jetzt das Aber: Das alles ist nur ein Teil der Anthologie – ein Sechstel oder Fünftel vielleicht. Der „Rest“ der Geschichten ist gut bis sehr gut. Also sprechen wir lieber über einige dieser Geschichten …

Cliff Allisters Story rund um Wells’ Zeitmaschine ist stimmig gemacht, kam mir aber sehr vertraut vor. Sicher, dass der Text 2015 das erste Mal veröffentlicht wurde?

Die „Flitterwochen“ von Matthias Falke hatten eine ausgesprochen nette Idee in Sachen „fremde Gebräuche“, spielen erzählerisch aber nicht ganz oben mit.

„NNT 275“ von Galax Acheronian bot beides: eindrucksvolle Ideen, die mich voll und ganz ansprachen, und Erzählkunst. Auch „Harmonice mundi“ von Regine Bott überzeugte mich in dieser Hinsicht. An beiden Texten gefällt mir vor allem, dass Themen aufs Tapet kommen, die in allen Zeiten zu den eher problematischen oder zwiespältigen Aspekten des Menschseins gehör(t)en. In gewissem Sinne gehört auch „Reha 2.0“ von Michael Stappert dazu, wobei hier der Bogen zu den Niederungen wirtschafts-politischer Entscheidungen schon sehr deutlich geschlagen wird. In „Der Gebühreneinzugbevollmächtigte“ von B. C. Bolt geht es ebenfalls ums Finanzielle, allerdings wird hier ein richtig schön schwarzhumoriger Tonfall angeschlagen.

An der Stelle ein kleiner Rückgriff in die Schublade der grenzwertigen Story: „Spätes Erwachen“ ist die Geschichte, die den oben erwähnten Bezug zum Cover-Motiv herstellt. Michael Thiele erzählt in einem durchaus süffigen Ton von einem Amazonen-Abenteuer. Leider sind einige Erotik-Elemente eher albern (Lieber Herr Thiele: Soooo groß ist das weibliche Interesse an der männlichen Brust nicht, vor allem nicht, wenn da was anderes ist der Gegend rumsteht.) und die eigentliche Geschichte (Was ist das für ein Typ, was macht er da und was bedeutet dieses Erlebnis für ihn?) wird nicht hier erzählt.

In „Zilie“ führt Christopher Dröge andererseits vor, dass dieses „Worum geht es eigentlich“ gar nicht immer in eine Geschichte hineingepresst werden muss. Er entfaltet im Hauptteil der Story ein farbiges Bild von einem unter wirtschaftlicher Knute Chinas stehenden Afrika, kombiniert es mit einer glaubhaften Außenseiter-Story und einem spannenden Seltsame-Ereignisse-Plot. Das war richtig, richtig gut geschrieben. Leider konnte er sich nicht verkneifen, im Ausklang noch ein Haufen Hintergrundinfos für diese Ereignisse zu liefern – das ist zwar auch süffig gemacht, zerdehnt aber den Spannungsbogen nach hinten raus etwas zu sehr.

Die Highlights der Anthologie sind für mich „Fehler im System“ von Oliver Koch und „Die Verführung der Mona Lisa“.

In ersterer Story überraschte mich zuerst die sehr schlicht gehaltene Sprache: Es „hörte“ sich an, als erzähle ein Kind. Dann wurde klar, dass es um einen erwachsenen Mann ging. Geistig zurückgeblieben vielleicht. Dazu passten – so merkwürdig das auch klingen mag – die wunderschönen, hochkreativen Formulierungen, wenn es um tiefe Gefühle des Protagonisten geht. Da hat jemand mal so ganz und gar nicht auf Standards zurückgegriffen – vielleicht der Held aus Unwissen um diese Konventionen, der Autor vermutlich, um sehr wirksame Akzente zu setzen. Dass sich diese so spezifisch eingeschränkte Sprachfähigkeit auch ganz anders erklären lässt, wird erst am Ende klar. Ich neige beim Lesen wirklich nicht zu Gänsehaut – hier hatte ich so einen Moment.

Ganz anders die Wirkung von „Die Verführung der Mona Lisa“ von Rico Gehrke. Hier herrscht von Anfang an eine sehr gekonnte und dabei völlig natürlich wirkende Sprache vor. Der Mann, der da von seiner irritierenden, ihm aber durchaus angenehmen Begegnung mit einer bildschönen jungen Frau spricht, ist bis in die Haarspitzen hinein glaubhaft. Beide Figuren sind ausgesprochen sympathisch, obwohl sie Dinge tun und denken, die in anderer Verpackung wohl eher Naserümpfen auslösen würden. Man versteht aber, warum sie es tun, und dass es in gewissem Sinne die natürlichsten, die menschlichsten Reaktionen der Welt sind. Die Story kommt ohne Effekthascherei aus und entwickelt sich doch nach allen Regeln der Kunst zu einer schönen Überraschung.

Nun könnte ich sicher noch über die anderen Geschichten sprechen – hier und da reizt es mich sogar –, aber für einen Eindruck soll das hier mal genügen. Alles in allem: „Im Licht von Orion“ ist nicht die perfekte SF-Story-Sammlung, aber eine durchaus lesenswerte mit richtig schönen Perlen. Kaufempfehlung!

WetGrave: Ein Schwelgen in Gruselelementen

WetGrave ist die völlig überarbeitete Neuveröffentlichung eines älteren 80-Seiten-Buches von Alf Stiegler. Ob man die Story wirklich als  224-Seiten-Variante (der Rest im Buch ist Werbung für das weitere Werk des Autors) nochmal rausbringen musste, weiß wohl nur der Autor; immerhin bekam ich sie so in die Hand. Und: Die Idee, der Grundplot gefällt mir.

Aber: Das Buch gefällt mir nicht, nicht richtig jedenfalls. Und das liegt weniger daran, dass ich so gar keinen Nerv für Horror und Grusel habe und das Buch zu zwei Dritteln aus genau sowas besteht – und zwar fast in Reinform. Schon eher daran, dass ich auf einen Lesemodus umstellen musste, bei dem nicht ständig mein Lektoratsradar ansprang. Zum Beispiel ertappte ich mich am Anfang immer öfter bei dem Gedanken, wann es denn nun endlich losgeht; vor allem die Redundanzen machten das erste Viertel recht behäbig. Dazu kamen zwei in Sachen Erzählerstandpunkt unpassende Kapitel, das zweite davon war zudem ausgesprochen überflüssig.

Im ersten Drittel des Buches erfährt man als Leser von den Bases, einem umfangreichen System vom Raumstationen, die um die völlig verschmutzte und ausgelaugte Erde kreisen und die der Oberschicht und dem Mittelstand Heimstatt bieten. Die Menschen, die auf der Erde dahinvegetieren, werden Bürger genannt. Hauptreisemittel ist ein System vom Sprungtoren, die unter Ausnutzung von Dimensionswechseln funktionieren. Das alles – die Bases samt der Tore – wird als Basenet bezeichnet, dieses wiederum wird von einer Mega-Firma namens HypCon kontrolliert. Gegen diese Firma hat der Protagonist namens Pressure offenbar etwas; wie das kam, bleibt weitgehend offen. Wie die Sprungtore funktionieren, erklärt Pressure einem jungen Sicherheitsmann. Die Methode, Infodump in Dialogen zu tarnen, ist weit verbreitet und in dem Fall nur durch einen dabei fallenden Schlüsselsatz zu entschuldigen, der später im Buch noch von Bedeutung sein wird.

Auch eine zweite Information wird über diesen Dialog an den Leser gebracht; weniger glaubwürdig diesmal, was mir die Infodump-Tarnung unangenehmer machte. Der Leser erfährt darin von einer Legende, die – aus nur sehr unzureichend nachvollziehbaren Gründen – als WetGrave in die Folklore der Bases eingegangen ist. Pressures Äußerungen legen nahe, dass er die Legende durchaus nicht als reines Schauermärchen versteht. Mittels eines speziellen Codes der Art, wie sie für die Dimensionsreisen nötig sind, macht er sich daran, das große Geheimnis zu lüften.

Und was dann kommt, ist in allererster Linie ein Schwelgen in Grusel- und Horrormotiven: Stoffgewordene Schwärze, eklige Oberflächen, „ungute Gefühle“, Glibber, im Unsichtbaren bleibende aber spürbar werdende Wesen mit Totenkopf-ähnlichen Schädeln und gespenstigen Körpern, üble Gerüche, gifte Gase, Erbrochenes, Wände rohen Fleisches, Feuchte an allen Ecken und Enden, unsägliche körperliche Verstümmelungen, schreckliche Schreie und qualvolles Quieken … sogar das Motiv des Geisterhauses findet sich und auch der Typ, der einen Blick auf die andere Seite wirft und als seelisches Wrack zurückkommt, fehlt nicht. All das ist recht süffig runtererzählt und dank des oben erwähnten Lesemodus kam ich ohne größere Stolperer gut voran. Nur dass ich, wie ebenfalls schon erwähnt, so gar keinen Nerv für sowas habe und es eher als Ausbremsen des Plottes empfand. Die Frage „Was ist da los?“ wird in dieser gesamten Zeit in der Schwebe gehalten und zwar so sehr, dass sie dabei erstarrt. Es gibt nichts, was man als Annäherung an die Antwort oder als ein Vertiefen der Frage hätte lesen können – alles ist irgendwie nur Kulisse.

Im hinteren Viertel zieht die Handlung dann aber wieder an und zum reinen Ekel- und Horror-Gemenge kommt nun auch echte, plotbedingte Spannung hinzu. Diese steigert sich in dramaturgisch geschickter Weise und mündet in einen gut konstruierten Höhepunkt mit Auflösung und passendem Ausklang. Das versöhnte mich mit dem langen Anlauf.

Fazit: Fans des fantastischen Horrors sind mit dem Buch gut bedient. SF-Fans brauchen die Bereitschaft, sich in die Grusel-Ecke zu begeben, da der SF-Faktor doch über weite Passagen in den Hintergrund rutscht. Für Freunde richtig gut gemachter Erzählungen ist das Buch wohl eher ein Pausenfüller. Trotzdem: Ideen und Plot sind gut und auch lesen lässt sich das Ganze recht süffig.

Alf Stiegler: „WetGrave“, Books on Demand; Auflage: 1 (23. September 2016), ISBN-13: 978-3741255816, ISBN-10: 3741255815, 240 Seiten

Wenn der Stil blüht und die Fakten weinen

Das Wort Stilblüte steht eigentlich für eine „Formulierung, die durch ungeschickte, falsche oder doppelsinnige Verknüpfung von Redeteilen ungewollt komisch wirkt“, erklärt duden.de. Der Klassiker „Napoleon starb auf Helena“ ist dafür ein typisches Beispiel. Was so manche Journalisten, PR-Leute und andere Wortarbeiter so treiben, geht jedoch darüber hinaus. Zum Teil sogar weit darüber hinaus …

Überschrift einer Pressemitteilung, die mir im Job zuflatterte:
„Richtig dekoriert genießen Mieter und Vermieter die (Vor-)Weihnachtszeit“
Was wäre denn die richtige Dekoration für die Mieter und Vermieter? Orden? Brillantkollier? Oder Rentiergeweihmütze? Und müssen sich Mieter und Vermieter unterschiedlich schmücken?

Aus der TV-Werbung für einen Kehr-Roboter:
„Der Roomba entfernt Haare, Staub und Schmutz für zwei Stunden.“
… und dann schüttet er das alles wieder breit?

Das Magazin „Ratgeber Lust auf Natur“ überschreibt in der Dezember-Ausgabe 2016 einen Artikel zum Thema Weihrauch mit:
„Heilsamer Harz“
Allerdings wird im gesamten Text nicht ein einziges Mal das mitteldeutsche Mittelgebirge erwähnt.

Frage beim Radio PSR Sachsen-Quiz:
„Was ist der Biedermeier?“
Die Antwort „eine Stilepoche“ ist natürlich falsch, denn die Epoche ist „das Biedermeier“.

Im Online-Training zum Quiz fragt PSR:
„Welche Band würde von Xavier Naidoo mitbegründet?“
… falls was?

PSR-Meldung zum Verfassungsreferendum in Italien:
„Die Wahlurnen schließen um 23 Uhr.“
Na hoffentlich hatten die Wahllokale auch so lange auf.

Aus einer PSR-Fußballmeldung am 3. 12. 2016:
Der FC Bayern hatte sein Spiel gewonnen und sich damit wieder auf den ersten Platz der Tabelle gesetzt; Konkurrent RB Leipzig allerdings hatte sein Wochenendspiel noch vor sich. Der Sprecher stellte fest: „RB kann gegen Mainz noch aufholen.“ Zu dumm, dass RB dann doch gegen Schalke angetreten ist.

 

Verlinkt: Lesefluss und Infodump

Schön, wenn einer einem die Arbeit abnimmt. In seiner Werkstatt hat Dieter Paul Rudolph einen anschaulichen Text zu den Themen Lesefluss und Infodump veröffentlicht.

Das Bild des Leseflusses – ein Fluss, der schnell vorwärtsschießen oder majestätisch gelassen am Betrachter vorbeifließen kann – ist eine gute Grundlage, zum Thema Infodump noch etwas zu ergänzen: Dieter Paul Rudolph hat zwar Recht damit, dass die Gefahr von zu viel Informationen immer dann auftritt, wenn diese sich zu weit von der aktuelle Handlung entfernen, aber man kann natürlich auch Information zur Handlung machen, indem über eine längere Passage tatsächlich eine Lebens- oder Familiengeschichte umrissen wird. Auch die Kulisse darf durchaus etwas ausführlicher gemalt werden, wenn es die Stimmung – oder der Lesefluss – gebietet. Ab wann das zu viel wird, hängt vom konkreten Text ab, also von dessen Gesamtstruktur und der  Ausführung an der betreffenden Stelle, und vom Leser. Ich zum Beispiel bin an den Buddenbrooks und Effi Briest genau aus diesem Grund (seitenlange Infos) gescheitert, andere schätzen noch heute diesen damals modernen, deutlich Kulissen- und Kostüm-orientierten Stil.

Also: Ob etwas als Infodump wahrgenommen wird, hängt sehr davon ab, wie es sich auf den Lesefluss auswirkt. Wenn die Wasser zu breit fließen und dabei zu flach werden, versumpft das Gelände; und auch wenn es Leser gibt, die bei toten Gewässern das morbide Rundherum durchaus schätzen, sollte man sich als Autor sehr gut überlegen, ob man es soeit kommen lässt. Aber das sollte man ja immer: Es sich gut überlegen.

Zum Text des Monats: Insekten? Ehrlich?

In diesem Sommer kam „Allein oder Das Erbe der Terraformer“ heraus und das sogar mit meinen Wunschcover: Ein Mensch und ein Insektoid sitzen auf einer Klippe und schauen aufs Meer hinaus. Zugegeben, Rstr – also das Alien – sieht verdammt nach einer Monsterameise aus, aber das ist völlig okay. Als ich mir diese Spezies, die Trrk, ausdachte, ging es sowieso nicht darum, ihr Äußeres detailreich festzulegen – sie sollten einfach nur „ganz anders“ aussehen. Ich hätte sicher auch intelligente Echsen als Grundidee nehmen können oder – der Geschichte wegen flugunfähige – Vögel. Schon Amphibien wären heikel gewesen, weil es schwer zu vermitteln sein dürfte, wie solche auf Wasser oder wenigstens Feuchte angewiesenen Wesen einen ganzen Planeten hätten besiedeln können. Bereits die Entdeckung des Feuers wäre da eine extrem ambivalente Sache gewesen.

Und schon stecken wir mitten in einem typischen Science-Fiction-Thema: Wie sehen Aliens aus? Da gibt es die abenteuerlichsten Ideen. Riesenameisen oder -käfer, Insektoide eher unbestimmbarer Ähnlichkeit zu unserem Krabbelzeug, Wurmiges, Quallenförmiges, Echsen natürlich … und immer wieder Spielarten einer eigentlich menschenähnlichen Bauweise vom großäugigen Graumännchen über Spindeldürre und Muskelmonster bis hin zu knuffigen Typen wie ET.

Wenn Sie mich fragen: Es ist egal, was man für Aliens für Geschichten erfindet, de facto läuft jede gute Literatur – auch jede gute SF-Literatur – darauf hinaus, zu ergründen oder zu zeigen, wie Menschen ticken. Manchmal ist es dafür hilfreich, eine Spezies zu erschaffen, die in einer bestimmten Sache ganz anders tickt – wenn dieser Unterschied gut begründet ist und dessen Konsequenzen gut abgeleitet sind, erfährt man dadurch auch etwas über die Zusammenhänge menschlicher Verhaltens- und Denkmuster.

Oft allerdings werden Aliens aus anderen Gründen „fremd gemacht“.

Erstens natürlich, weil das irgendwie zur SF zu gehören scheint. Und natürlich liegt es nahe, dass Leben auf fremden Planeten – inklusive der „Spitzenspezies“ – anders aussieht als auf der Erde. Meist werden Aliens dieser Spielart nur als Stellvertreter für menschliche Verhaltensweisen benutzt. Wenn man dabei logisch bleibt, ist das auch völlig okay. Ärgerlich ist es, wenn die beschriebenen Formen und Eigenschaften bei genauerer Betrachtung fragen lassen, wie diese Wesen grundlegende Lebensvorgänge bewältigen, wie sie überhaupt eine Zivilisation (dieser Art) entwickeln konnten oder warum sie manchmal Dinge tun, zu denen sie eigentlich weder Grund noch Möglichkeit haben dürften.

Zweitens ist die Science Fiction ein ideales Genre für das Erkunden von Möglichkeiten – auch für das Erkunden von Möglichkeiten, was für Aliens uns begegnen könnten. In solchen Texten besteht der Reiz darin, die oben genannten Elemente zu erforschen. Zum Beispiel: Ist es vorstellbar, dass Kraken die zivilisationsbildende Spezies sind? Wie könnte es dazu kommen? Was würde das für diese Gesellschaft bedeuten? Worin müssten sich diese Aliens von den Kraken der Erde unterscheiden? Hochspannende Sache sowas und in Kombination mit der Erkundung des Menschlichen unschlagbar. Wenn es gut gemacht, also glaubhaft ist.

Drittens: Vor allem in den maximal auf Unterhaltung getrimmten Geschichten von Action- und/oder Military-SF dient das Fremd-Machen in allererster Linie dazu, ein sicheres Feindbild zu schaffen. Wer würde bei hässlichen Monsterschaben auch auf die Idee kommen, eine friedliche Koexistenz sei erstrebenswert oder auch nur möglich? Oder man könnte geifertropfender, reißzahnbewehrter und auf allen Vieren heranjagender Tiergestalten Herr werden? Sehen Sie! Tatsächlich halte ich den Gedanken, dass Aliens uns feind oder auch nur so extrem fremd sind (und wir ihnen), dass so etwas wie eine Begegnung auf Augenhöhe ein verdammt schwieriges Ding wird, für nicht gänzlich abwegig.

Ich gebe zu, dass ich aus dem ersten Grund die Trrk erfunden habe. Sie sind tatsächlich im Wesen sehr menschlich, was einfach daran liegt, dass ich zwar extrem spannend finde, wie Objektives (z. B. die biologischen Voraussetzung und Umfeld) das Subjektive (z. B. Verhalten) prägt – aber wenn ich mir Geschichten ausdenke, kann ich dabei einfach nicht aus menschlichen Bahnen ausbrechen. Deshalb sind übrigens die meisten Spezies in meiner Welt auch menschenähnlich, zum Teil sogar sehr menschenähnlich. Das ist eigentlich nicht logisch – siehe die Sache mit den fremden Welten oben. Obwohl es natürlich erklärbar wäre, wenn es so zugegangen wäre bzw. zugehen wird, wie in „Allein oder Das Erbe der Terraformer“ angedeutet wird …