Verlinkt: Lesefluss und Infodump

Schön, wenn einer einem die Arbeit abnimmt. In seiner Werkstatt hat Dieter Paul Rudolph einen anschaulichen Text zu den Themen Lesefluss und Infodump veröffentlicht.

Das Bild des Leseflusses – ein Fluss, der schnell vorwärtsschießen oder majestätisch gelassen am Betrachter vorbeifließen kann – ist eine gute Grundlage, zum Thema Infodump noch etwas zu ergänzen: Dieter Paul Rudolph hat zwar Recht damit, dass die Gefahr von zu viel Informationen immer dann auftritt, wenn diese sich zu weit von der aktuelle Handlung entfernen, aber man kann natürlich auch Information zur Handlung machen, indem über eine längere Passage tatsächlich eine Lebens- oder Familiengeschichte umrissen wird. Auch die Kulisse darf durchaus etwas ausführlicher gemalt werden, wenn es die Stimmung – oder der Lesefluss – gebietet. Ab wann das zu viel wird, hängt vom konkreten Text ab, also von dessen Gesamtstruktur und der  Ausführung an der betreffenden Stelle, und vom Leser. Ich zum Beispiel bin an den Buddenbrooks und Effi Briest genau aus diesem Grund (seitenlange Infos) gescheitert, andere schätzen noch heute diesen damals modernen, deutlich Kulissen- und Kostüm-orientierten Stil.

Also: Ob etwas als Infodump wahrgenommen wird, hängt sehr davon ab, wie es sich auf den Lesefluss auswirkt. Wenn die Wasser zu breit fließen und dabei zu flach werden, versumpft das Gelände; und auch wenn es Leser gibt, die bei toten Gewässern das morbide Rundherum durchaus schätzen, sollte man sich als Autor sehr gut überlegen, ob man es soeit kommen lässt. Aber das sollte man ja immer: Es sich gut überlegen.

Zum Text des Monats: Insekten? Ehrlich?

In diesem Sommer kam „Allein oder Das Erbe der Terraformer“ heraus und das sogar mit meinen Wunschcover: Ein Mensch und ein Insektoid sitzen auf einer Klippe und schauen aufs Meer hinaus. Zugegeben, Rstr – also das Alien – sieht verdammt nach einer Monsterameise aus, aber das ist völlig okay. Als ich mir diese Spezies, die Trrk, ausdachte, ging es sowieso nicht darum, ihr Äußeres detailreich festzulegen – sie sollten einfach nur „ganz anders“ aussehen. Ich hätte sicher auch intelligente Echsen als Grundidee nehmen können oder – der Geschichte wegen flugunfähige – Vögel. Schon Amphibien wären heikel gewesen, weil es schwer zu vermitteln sein dürfte, wie solche auf Wasser oder wenigstens Feuchte angewiesenen Wesen einen ganzen Planeten hätten besiedeln können. Bereits die Entdeckung des Feuers wäre da eine extrem ambivalente Sache gewesen.

Und schon stecken wir mitten in einem typischen Science-Fiction-Thema: Wie sehen Aliens aus? Da gibt es die abenteuerlichsten Ideen. Riesenameisen oder -käfer, Insektoide eher unbestimmbarer Ähnlichkeit zu unserem Krabbelzeug, Wurmiges, Quallenförmiges, Echsen natürlich … und immer wieder Spielarten einer eigentlich menschenähnlichen Bauweise vom großäugigen Graumännchen über Spindeldürre und Muskelmonster bis hin zu knuffigen Typen wie ET.

Wenn Sie mich fragen: Es ist egal, was man für Aliens für Geschichten erfindet, de facto läuft jede gute Literatur – auch jede gut SF-Literatur – darauf hinaus, zu ergründen oder zu zeigen, wie Menschen ticken. Manchmal ist es dafür hilfreich, eine Spezies zu erschaffen, die in einer bestimmten Sache ganz anders tickt – wenn dieser Unterschied gut begründet ist und dessen Konsequenzen gut abgeleitet sind, erfährt man dadurch auch etwas über die Zusammenhänge menschlicher Verhaltens- und Denkmuster.

Oft allerdings werden Aliens aus anderen Gründen „fremd gemacht“.

Erstens natürlich, weil das irgendwie zur SF zu gehören scheint. Und natürlich liegt es nahe, dass Leben auf fremden Planeten – inklusive der „Spitzenspezies“ – anders aussieht als auf der Erde. Meist werden Aliens dieser Spielart nur als Stellvertreter für menschliche Verhaltensweisen benutzt. Wenn man dabei logisch bleibt, ist das auch völlig okay. Ärgerlich ist es, wenn die beschriebenen Formen und Eigenschaften bei genauerer Betrachtung fragen lassen, wie diese Wesen grundlegende Lebensvorgänge bewältigen, wie sie überhaupt eine Zivilisation (dieser Art) entwickeln konnten oder warum sie manchmal Dinge tun, zu denen sie eigentlich weder Grund noch Möglichkeit haben dürften.

Zweitens ist die Science Fiction ein ideales Genre für das Erkunden von Möglichkeiten – auch für das Erkunden von Möglichkeiten, was für Aliens uns begegnen könnten. In solchen Texten besteht der Reiz darin, die oben genannten Elemente zu erforschen. Zum Beispiel: Ist es vorstellbar, dass Kraken die zivilisationsbildende Spezies sind? Wie könnte es dazu kommen? Was würde für das für diese Gesellschaft bedeuten? Worin müssten sich diese Aliens von den Kraken der Erde unterscheiden? Hochspannende Sache sowas und in Kombination mit der Erkundung des Menschlichen unschlagbar. Wenn es gut gemacht, also glaubhaft ist.

Drittens: Vor allem in den maximal auf Unterhaltung getrimmten Geschichten von Action- und/oder Military-SF dient das Fremd-Machen in allererster Linie dazu, ein sicheres Feindbild zu schaffen. Wer würde bei hässlichen Monsterschaben auch auf die Idee kommen, eine friedliche Koexistenz sei erstrebenswert oder auch nur möglich? Oder man könnte geifertropfender, reißzahnbewehrter und auf allen Vieren heranjagender Tiergestalten Herr werden? Sehen Sie! Tatsächlich halte ich den Gedanken, dass Aliens uns feind oder auch nur so extrem fremd sind (und wir ihnen), dass so etwas wie eine Begegnung auf Augenhöhe ein verdammt schwieriges Ding wird, für nicht gänzlich abwegig.

Ich gebe zu, dass ich aus dem ersten Grund die Trrk erfunden habe. Sie sind tatsächlich im Wesen sehr menschlich, was einfach daran liegt, dass ich zwar extrem spannend finden, wie Objektives (z. B. die biologischen Voraussetzung und Umfeld) das Subjektive (z. B. Verhalten) prägt – aber wenn ich mir Geschichten ausdenke, kann ich dabei einfach nicht aus menschlichen Bahnen ausbrechen. Deshalb sind übrigens die meisten Spezies in meiner Welt auch menschenähnlich, zum Teil sogar sehr menschenähnlich. Das ist eigentlich nicht logisch – siehe die Sache mit den fremden Welten oben. Obwohl es natürlich erklärbar wäre, wenn es so zugegangen wäre bzw. zugehen wird, wie in „Allein oder Das Erbe der Terraformer“ angedeutet wird …

Spannende Familienaufstellung

Spannend. Verwirrend. Anstrengend. Unbefriedigend. Interessant. – Das sind in etwa die Schlagworte, die mir nach dem Lesen von „Verblüht“ von Mara Winter in den Sinn gekommen sind. Aber der Reihe nach:

Ich hatte von der Autorin eine PDF-Version ihres 72-Seiters „Verblüht“ bekommen und wahrscheinlich eine Vorab-Version des Episoden-Krimis erwischt. Es gab massenhaft Satzfehler: Sinnfreie Leerzeilen bzw. Abschnittsbildung zerrupften den Lesefluss, es gab halbe und sogar ganze Leerseiten und am Ende auch noch ein Einzugswirrwarr. Wahrscheinlich – hoffentlich – sind diese Dinge vor dem Druck bzw. der Veröffentlichung als E-Book noch behoben worden, also schieben wir das mal beiseite.

Schon am Anfang gefiel mir der Klang des Textes: konzentriert, mit Drive und unverschnörkelt. Da entstand ein Sog, der mich in die Erlebenswelt von Ich-Erzähler Mira reinzog, auch wenn sie diese eher respektlos-ironisch und damit von ihrem Inneren ablenkend darbot. Dass man mit Schlafstörungen mitnichten zu einem Psychiater geht und auch sonst nicht alles gänzlich glaubhaft bei mir ankam, spielte da kaum eine Rolle. Der plötzliche Tempuswechsel von Vergangenheit zu Gegenwart tat es allerdings schon – ich sehe bis jetzt nicht, was der bedeuten soll. Auch an den anderen Stellen, wo er auftrat, wirkt er deplatziert. Ich habe eine ungefähre Vorstellung, was der Wechsel soll, tatsächlich aber geht das in dem immer selben Tonfall und den Satz-Problemen sang- und klanglos unter. Über die Sinnhaftigkeit dieser Konstruktion könnte man auch streiten.

Die nächste Episode ist wieder von einer Ich-Erzählerin. Ich war verwirrt, denn Mira scheint am Ende des vorigen Kapitels gestorben zu sein. Tatsächlich ist es auch jemand anderes, jemand offenbar Uraltes, denn meines Wissens ist es schon um die 100 Jahre her, dass Rosa die Jungenfarbe war. Irritierend fand ich deshalb, dass plötzlich das Kind Sven hier auftaucht, jener Sven, wegen dem Mira so viele Probleme hatte. Erzählt wird – wie eigentlich in allen Episoden – eine Liebes- bzw. Beziehungsgeschichte, die zunehmend seltsam wirkt und schließlich tödlich endet. Vermutlich jedenfalls.

Neue Episode, neuer Ich-Erzähler. Männlich diesmal. Sven. Eine verstörende Story. Viele Morde. Wie viele? Die Andeutungen lassen einen Interpretationsspielraum.

Nächste Episode: Weibliche Ich-Erzählerin; Stiefmutter von Sven. Auch keine „normale Geschichte“. Dann erzählt Svens Schwester. Dann ihre Mutter … Kurz: Nahezu alle Episoden erzählen die gleiche Familiengeschichte, die durch die verschiedenen Blickwinkel immer völlig anders wirkt. Oft dauert es ein wenig zu lange, ehe der Text offenbart, wer gerade „dran“ ist – auch, weil alle Figuren im haargenau selben Stil erzählen, als seien sie eigentlich nur Varianten einer einzigen Person. Und: Das Einpuzzeln ins detailreich durchkonstruierte Gesamtbild erfordert durchaus erhöhte Aufmerksamkeit, unter anderem wegen der Personenfülle, weil die Episoden sich zeitlich in unterschiedlichem Rhythmus überlappen und weil der konzentrierte, essenzartige Tonfall dem Leser keinen Raum zum Durchatmen und Sortieren lässt.

Dieser Tonfall – ich erwähnte es schon – erzeugt andererseits einen Sog, der mich durch das Buch zog. Außerdem wollte ich wissen, worauf das alles hinaus läuft. Nun: Das habe ich nicht erfahren. Es bleibt ein Kaleidoskop. Zwar verändert sich das Bild immer wieder, aber es gibt – außer dass es immer die gleiche Geschichte ist – keine tiefer gehenden Verknüpfungen. Keine Episode verändert eine der vorhergehenden in ihrer Bedeutung, nur die Fakten nehmen Bezug aufeinander. Es ist zum Beispiel schnurz, warum Christine Gerd heiratet, für ihre Stiefkinder scheint das keine Auswirkungen gehabt zu haben.

Alles im allem ist das ein interessantes Buch. Die Idee, die selbe Story aus verschiedenen Blickwinkeln zu erzählen, wird hier konsequent auf die Spitze getrieben und spiegelt damit eindrucksvoll, wie wirkmächtig diese Diskrepanz zwischen Realität und Wahrnehmung sein kann. Das passende Zitat dazu aus dem Buch: „Der eine denkt sich etwas aus und projiziert etwas in sein Gegenüber. Der andere greift ein Wort auf und spinnt daraus seinen eigenen Film. Weil wir alle die gleichen Wörter benutzen, glauben wir, uns zu verstehen, aber du hast nicht den Funken einer Ahnung, was im Kopf deines Liebsten wirklich vorgeht.“ Beim Aufdröseln dieser Diskrepanz werden die Grenzen der Plausibilität mitunter aus- oder vielleicht sogar überreizt, was allerdings durch die Verwendung des Ich-Erzähler-Modus inhaltlich durchaus abgedeckt ist.

Leider rundet sich die Geschichte zwar zeitlich und faktisch, aber sowas wie eine durchgehende Kausalität über die personelle Verknüpfung hinaus stellt sich nicht ein. Das ist im Leben zwar auch eher die Regel, aber von Literatur erhoffe ich mir ein bisschen mehr. So ausgeklügelt das sich am Ende präsentierende Bild auch ist: Es scheint rein zufällig entstanden zu sein. Fast alle Ereignisse könnte man ohne Weiteres mit anderen Ich-Storys unterfüttern, eine Art „innere Gesetzmäßigkeit“ wird – für mich zumindest – nicht sichtbar. Wie Leben „funktioniert“, warum Menschen tun, was sie tun, wird höchstens angedeutet.

Übrigens: Natürlich ist das Ganze trotz eindeutig vollzogener und zu vermutender Morde kein Krimi – niemand „registriert“ diese Morde und keiner ermittelt. Und: Mir ist die Rolle von Frau Dr. Körbchen nicht klar und auch für die Episoden-Titel, die alle mit Blüten zu tun haben, habe ich keine Erklärung. Ist aber nicht schlimm – ich habe das Büchlein trotzdem gern gelesen.

 

Bibliografisches: Mara Winter „Verblüht“; CreateSpace Independent Publishing Platform (26. November 2015); Taschenbuch (ISBN-13: 978-1519293176), 72 Seiten, 4,98 Euro; auch als E-Book bei amazon

Text des Monats: „Der stille Tod“ von Blumenberg

Um in meinem Blog Text des Monats zu werden, muss das Werk nicht perfekt sein. Erstens, weil es sowas höchst selten (um nicht zu sagen: gar nicht) gibt, und zweitens, weil es mir nicht um perfekte Texte geht. Ums Perfektionieren von Text allerdings schon.

In der Leselupe lud mich der Autor Blumenberg zu seinem Text „Der stille Tod“ ein. Ich danke dafür. Denn hier passiert etwas, was immer passieren sollte: Der Autor hat sich ausdrücklich Gedanken darum gemacht, was er bewirken will. Und er hat dafür mit Konventionen gebrochen, ohne in künstlerisches Schweben abzugleiten.

Konkret: „Der stille Tod“ befasst sich vordergründig mit dem ersten großen Giftgaseinsatz des ersten Weltkrieges. Zugleich geht es um Kriegsgräuel schlechthin. Konventionell würde man dies durch das ausführliche Zeichnen dieser Gräuel darstellen. Blumenberg tut das nicht, er setzt auf den Kontrast zwischen dem, was man (eben jener Konventionen wegen) über das Thema aus anderen Texten und Werken erlernt hat, und der Ausblendung des Grauens durch die Betroffenen, jenen Soldaten, die es tatsächlich live erleben mussten und es (einem völlig normalen Schutzmechanismus der menschlichen Psyche folgend) zu übersehen lernten. Letzteres (dass auch die gewählte, unkonventionelle Sicht einen festen Anker in der Realität hat) ist meiner Ansicht nach essentiell für die (in den lobenden Kommentaren auch erkennbare) Wirksamkeit dieses Textes.

Allerdings gebe ich zu, dass ich auch aus einem zweiten Grund diesen Text ausgewählt habe. In der Diskussion habe ich versucht darzustellen, dass Konventionen manchmal durchaus auch sinnvoll sind, wenn es um Wirksamkeiten geht. Er erleichtert die emotionale Anknüpfung, wenn man vertraute Elemente vorfindet. Wenn das konkrete Grauen wenigstens für einen Moment auch konkret sichtbar wird. Andererseits leuchtet das Argument, gerade in dem Moment der größten Gräuel den meisten emotionalen Abstand im Text zu erzeugen, durchaus auch ein. Das ist die Stelle, an der man als Autor abwägen muss …

Und das ist es, worum es mir geht: Darum, etwas nicht einfach runterzuschribbseln, sondern sich Gedanken um Ziel und Mittel zu machen. Und wenn das am Ende so gut klappt wie bei „Der stille Tod“ – um so besser!

Thriller geht anders

Ein Thriller auf 40 Seiten? Mag ja sein, dass „Thrill“ keine Frage der Textlänge ist, aber unter „Thriller“ stellt man sich ja doch etwas mehr als eine Kurzgeschichte vor. Hat Marc Pain womöglich einfach nur marketingfreundlich übertrieben? Ich wollte es wissen und ließ mir ein Rezensionsexemplar von „Geh nicht dorthin“ mailen …

 

Alles beginnt mit einer Szene im Wald. Ein Haufen Leute werden genannt, eine unbekannte Gefahr erwähnt und dann kommen die ersten schon um. Normalerweise wäre das ein netter Prolog, aber im nächsten Kapitel springt der Text zurück zur Ankunft der Gruppe in einem Nest namens Iwdel und ich merkte, dass die Story mich schon nicht mehr interessierte. Ich wusste ja, wo es hinführt: Die Leute werden auf ihrer Wanderschaft von etwas verfolgt werden und sterben. Und: Sie werden nie rausfinden, was sie da verfolgt.

Ich rief mich zur Ordnung. Es konnte ja sein, dass die verhängnisvollen Dinge schon kurz nach der Ankunft beginnen und nur wenige der zirka 40 Buchseiten bis zum Beginn des Thriller-Teil nötig sein würden. Dann konnten die Überlebenden der Quasi-Prolog-Szene ja noch dies und jenes erleben, was spannend werden könnte.

Es dauerte dann aber nicht nur wenige Seiten. Es folgte ein Bericht darüber, wie die zehn Studenten sich versammeln, aufbrechen und dann per Ski – das Ganze spielt im Winter am Fuße des Urals – wandern. Warum sie das tun, habe ich zwar nicht wirklich verstanden, aber dieses Wissen habe ich nie vermisst – es ist für die Story irrelevant.

Relevant wäre allerdings gewesen, mir die Figuren nahezubringen, mich also in die Situation zu versetzen, mich um sie zu sorgen oder mit ihnen zu fühlen. Das gelang nicht. Zwar gab es ein paar Dialoge und Passagen, die die Beziehungen und Charaktere zeichnen sollten, aber mir blieb das alles zu blass.

Relevant wäre auch gewesen, Spannung – ein wichtiges Merkmal von Thrillern – zu erzeugen. Auch das gelang nicht. Das hat zum einen sicher mit den fehlenden Bezug zu den Figuren zu tun, zum anderen mit dem Umstand, dass trotz des erzählenden Grundtons vieles eher wie eine Bildbeschreibung klang. Was die Figuren durchmachen, ist nicht Gegenstand dieses Teils. Es scheint eigentlich nur darum zu gehen, die Figuren für die entscheidenden Szenen zu platzieren. Dass es auch darum ging, die Fakten des tatsächlichen Ereignisses, auf dem die Geschichte beruht, irgendwie einzuarbeiten, wurde mir erst später klar. Das erklärt, warum der Autor nicht einfach auf dieses Vorgeplänkel verzichtete.

Dann – noch vor der Mitte – passiert ein weiterer Spannungskiller: Konnte man nach dem Quasi-Prolog noch hoffen, es gäbe Überlebende, wird hier klipp und klar gesagt, dass keiner der Gejagten es schaffen wird. Nur derjenige, der sich an der Stelle gesundheitsbedingt aus der Gruppe verabschiedet und umkehrt, überlebt. Für den Thriller-Teil ist er aber unerheblich, weil er das bevorstehende Grauen nicht miterleben wird.

Faktisch ist es für den Thriller allerdings nicht unerheblich, dass dieser eine jetzt geht, denn die Zahl neun – also die Zahl der Weiterwandernden – spielt durchaus eine Rolle. Doch obwohl die Wanderer um diese Zahl durchaus wissen, kommt das nicht zur Sprache. Überhaupt wird die düstere Legende um die Region namens „Geh nicht dorthin“ so nebensächlich und so kurz erwähnt, dass es einem um das verschenkte Thrill-Potential richtig leid tun könnte.

Was gibt es also noch, was mein Interesse halten könnte? Ein mysteriöses Licht. Das ist gut, das macht neugierig. Dann – nach einer weiteren längeren Berichtspassage – sind die Figuren endlich am Ort des Geschehens. Was da des Nachts passiert, verrate ich nicht, es sei nur so viel erwähnt, dass dies zu der Szene aus dem Quasi-Prolog führt. Dem folgt, was mit den am Anfang noch Überlebenden passiert.

In diesem Teil des Buches schwingt sich jetzt die Phantasie des Autors auf. Er behauptet eine Reihe seltsamer, erschreckender Phänome, vor denen die Wanderer fliehen und sich zu retten versuchen. Hier kommt nun – wenige Seiten vor Schluss – endlich der Thrill.

Das heißt, er hätte hier kommen müssen. Aber auch hier beschränkt sich der Text weitestgehend auf die Bildbeschreibung – die Erschütterung über das Gesehene, die Angst, die körperlichen Strapazen und letztlich das Sterben finden im Text kaum statt und wenn doch, dann klingt es nicht nach Emotionen, sondern – ich weiß ich wiederhole mich – wie der Bericht über Emotionen.

Meine letzte Hoffnung auf Thrill war das Nachwort. Das erklärte, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht: Diese zehn jungen Leute waren wirklich zu diesem Berg aufgebrochen, neun von ihnen waren wirklich gestorben und ihre Leichen später in merkwürdigem Zustand gefunden worden. Der große Rest sei aber Fiktion. Und zwar nach dem, was im Nachwort steht, reine Fiktion. Das ist nicht spannend. Spannend wäre gewesen, Elemente der Fiktion mit weiteren Elementen der Realität zu verknüpfen und zwar über die reine Auffindsituation hinaus. Woher zum Beispiel diese Idee mit dem Licht? Inzwischen weiß ich, dass der Autor auch dafür einen „Input“ hatte. Diese Art Vernetzung mit noch anderen Umständen als dem bloßen Tod der Neun hätte interessant sein können, hätten der reinen Fiktion einen Anstrich von Theorie-Charakter geben können.

Mein Fazit: Da ist erzähltechnisch einiges schief gegangen, denn die Idee an sich hätte wirklich einen Thriller abgeben können. Das Problem beginnt bei der Nicht-Entscheidung, ob eine Geschichte über diese Leute und ihr Ende erzählt oder eine illustrierte Theorie zum Rätsel aufgestellt werden sollte, und reicht über Konstruktionsschwächen wie die oben angedeutete Vorwegnahme des Ergebnisses bis hin zu Textdetails wie Wiederholungen von Aussagen. Allerdings ist das Ganze recht süffig lesbar, der Autor ist also nicht gänzlich unbegabt, nur etwas unerfahren, wie es scheint. Um so mehr finde ich es bedauerlich, dass das Potential der Story so wenig gezündet werden konnte. Schade.

 

Nachtrag: Das E-Book ist für 1,99 Euro erhältlich. Geld, das man sich meiner Meinung nach sparen kann, die Hintergründe, die man unter dem Stichwort „Djatlow-Pass“ im Internet findet, sind allemal spannender.

 

 

 

 

 

Angaben zum E-Book: Marc Pain „Geh nicht dorthin“, neobooks Self-Publishing, ca. 40 Seiten, 1,99 Euro

„Wenn man nichts Nettes zu sagen hat …“ – Schluss mit Verschwörungen!

Wofür werden Rezensionen geschrieben? Um – bleiben wir mal bei Büchern – dem Leser der Rezension Informationen über das Buch zu geben. Das sind zum einen die eher faktischen Informationen wie Titel, Autor, Inhalt und eventuell Genre. Zum anderen geht es um weitere Angaben, die die Rezension vom simplen Buchtipp abheben, als da wären Einordnung des Werkes (ins Œuvre des Autors, in die Literaturszene, ins aktuelle Geschehen oder andere Zusammenhänge), Aussagen zu Stil und Wirkung, zu inhaltlichen Aspekten und deren Bedeutung – eben zu all dem, was der Rezensent über das Buch und seine Wirkung auf den Leser (in dem Fall den Rezensenten) für mitteilenswert hält.

So weit, so gut.

Nun gibt es immer wieder Äußerungen, schlechte Rezensionen – also eigentlich Rezensionen, die Schwächen des Buches benennen – nicht öffentlich zu machen, sondern dem Autor privat zukommen zu lassen. Und das kommt nicht nur von Autoren, deren Bücher solche Rezensionen bekommen und die sich daraufhin persönlich angegriffen fühlen. Auch im Zusammenhang mit amazon zum Beispiel fand ich heute eine solche Empfehlung in einer Autorengruppe bei Facebook. Unter anderem sei es deshalb empfehlenswert, weil amazon es nicht gern sieht, wenn jemand Konkurrenzprodukte kritisch beurteilt.

Also mal ehrlich, Leute! Ja natürlich kann ich einem Autor ganz persönlich schreiben, was ich von dem Buch, das er bereits unter die Leute geworfen hat, halte. Aber wozu? Um einen Kontakt zu dem Autor herzustellen? Okay, Fantum ist ja erlaubt. Aber um das Buch zu beurteilen? Warum soll ich das heimlich tun? Das Buch hat der Autor ja auch nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit veröffentlicht. Um dem Autor zu helfen? Wobei? Das Buch ist draußen, das ist ohnehin nicht mehr zu retten. Um keine Leser zu verscheuchen? Das ist – wenn das Buch entsprechend schlecht ist – ja genau eine der Aufgaben einer Rezension: Dem Leser Gelegenheit zu geben, VOR dem Kaufen zu entscheiden, ob sich der Kauf bzw. das Lesen überhaupt lohnt.

Und selbst wenn man diesen Punkt, Leser anzulocken oder abzuschrecken, mal außen vor lässt: Die Rezension dient – wie alle journalistischen Gattungen – auch einem Bildungsauftrag. Und der geht über das Ansagen von bibliografischen Daten, also über die Meldung über die Existenz eines Buches, weit hinaus. Zum einen geht es darum, dem Leser Lesehilfe für das konkrete Buch zu geben, indem man eben auf spezifische Dinge hinweist. Zum anderen geht es aber auch darum, Leser überhaupt zu schulen, ihnen zu zeigen, was an Büchern, an Texten beachtenswert sein kann – über die reine Story hinaus.

Also: Wenn dich ein Autor ganz privat nach deiner Meinung fragt, dann teile sie im ganz privat mit! Aber wenn er (oder sein Verlag) eine Rezension bestellt oder du ungefragt eine Rezension schreibst, dann behandle diese auch so: Wie eine Rezension und nicht ein Verschwörungspapier, das nur ausgewählten Eingeweihten zu Gesicht kommen darf!

„Verschwörung bis ganz oben“ oder „Das Lidl-Horoskop“

Verschwörungstheorien gibt es schon ewig. Und sie boomen: Reptiloide unter unseren Spitzenpolitikern, Chemtrails, Bilderberger-Verschwörung, das Montauk-Projekt, 9/11 … Bei wikipedia gibt es eine Liste von Verschwörungstheorien, die es in sich hat.

Ich muss heute dieser Liste eine weitere Theorie hinzufügen: Die Lidl-Horoskop-Verschwörung. Diese besagt, dass Wer-auch-immer – vermutlich eine exklusive Gruppe von Handelsbossen – sich zusammengetan hat, um gezielt einen Bedarf an bestimmten Produkten zu wecken.

Nun ist diese Idee – also „Bedürfnisse wecken“ – an sich nicht neu. Spätestens seit im Kapitalismus die Überproduktion den tatsächlichen Bedarf an Waren erstmals markant überstieg und man Kunden einreden musste, dass diese mitnichten alles hätten, was sie brauchen, muss der Kapitalist bei Strafe seines wirtschaftlichen Untergangs um Kunden werben. Aber jetzt geht diese Gruppe noch einen Schritt weiter: Sie weckt nicht mehr nur Bedürfnisse (also eher Wünsche), sondern einen echten Bedarf an Notwendigem. Und das mit Hilfe von oben. Von ganz ganz oben. Diesen Bedarf deckt sie dann sehr gezielt durch die Produkte, die sie zeitgenau anpreist.

Meine Beweise?

Also:

Vor zwei Wochen ging am Wochenende meine Dusche kaputt. Die Dichtung zwischen Duschschlauch und Duschkopf brach. In der Woche drauf gab es bei Lidl Duschköpfe und Duschschläuche im Sonderangebot. An diesem Wochenende überfiel uns beim Flohmarkt ein satter Landregen und weichte – unter anderem – all unsere Papp-Transport-Kartons auf. Sie sind damit müllreif. Und tatsächlich: In dieser Woche gibt es bei Lidl im Sonderangebot Papp-Transport-Kartons.

Na wenn das mal nicht auffällig ist! Wobei ich nun nicht genau weiß, was mich mehr beunruhigen sollte: Dass „die“ in meine Wohnung einbrechen, um mal eben was kaputt zu machen, oder dass „die“ sogar Petrus auf ihrer Gehaltsliste haben.

Wie auch immer: Ich werde jetzt mal schnell nachsehen, was es nächste Woche bei Lidl gibt …