Prolog: „Pfui!“ oder „Muss sein!“?

Das Thema Prolog löst immer wieder Diskussionen aus. Die Spanne reicht von „Prolog geht gar nicht!“ bis „Prolog muss im Genre XY sein!“. Die Gründe für die Ablehnung sind die vielen schlechten oder zumindest überflüssigen Prologe, der Hauptgrund für den Zuspruch ist eine falsche Vorstellung davon, was ein Prolog „soll“. Hier mal das, was ich eben auf www.texte-jon.de eingestellt habe.

Dabei verweise ich ausdrücklich auch auf die Bemerkung, die ich dem ganzen Komplex mit den Schreib- und Stil-Details vorangestellt habe: Für das Schreiben gilt wie für jede Kunst: „Machen kann man alles – wenn man es kann.“ Das heißt: Sie dürfen beim Schreiben jede Vorschrift und jede Faustregel brechen. Sie müssen sich nur bewusst sein, was Sie dabei riskieren.

Also los …

 

Prolog und Epilog – Was ist das?

Im Unterschied zum Vor- oder Nachwort sind Prolog und Epilog erzählende Teile des erzählendes Gesamttextes. Im Vor- oder Nachwort „spricht“ der Autor, der Herausgeber oder jemand anderes über das Buch, über den Autor, gesellschaftliche oder wissenschaftliche Bezüge oder ähnliches. Prolog und Epilog hingegen sind in erster Näherung Kapitel des Buches, Kapitel mit besonderen Eigenschaften.

Die „besonderen Kapitel“

Prolog und Epilog können sich extrem vom Haupttext unterscheiden: Sie können eine andere Zeitform benutzten und/oder aus einer anderen Perspektive erzählen und/oder einen völlig anderen Duktus haben, ja sogar als Lyrik bei einem Prosa-Werk oder Prosa bei einem lyrischen Werk daherkommen.

Prolog und Epilog können sich stark vom Haupttext unterscheiden, müssen es aber nicht. Sie können auch einfach in Ort und/oder Zeit stark vom Haupttext abweichen – also weit entfernt von oder weit vor beziehungsweise nach der Hauptgeschichte spielen. Auch Vorgriffe sind möglich.

Hier steckt auch schon ein häufig gemachter Fehler: Oft ist der Prolog eigentlich das erste Kapitel, das nur per Überschrift zum Prolog deklariert wird. Wenn man „vergisst“, den Prolog zu lesen und es sich anfühlt, als fehle am Anfang was, dann hat man es höchstwahrscheinlich mit dieser Art Fehler zu tun.

Man kann mit Prolog und Epilog arbeiten oder nur mit einem von beidem. Oder auf diese Mittel ganz verzichten. Letzteres ist immer die erste Wahl. Warum? Dazu gleich mehr.

Wozu dient der Prolog?

Der Prolog, so liest man gelegentlich in Schreibforen, diene dazu, mit einer spannenden Szene in das Buch einzusteigen. Und er diene – vor allen in den Phantastik-Genres – dafür, vorab einen Blick in die fremde Welt zu gestatten, so dass der Leser ein erstes Gefühl für die Besonderheiten des Sets bekommt.

Vergessen Sie das!

Natürlich soll der Prolog nicht langweilig sein und natürlich stimmt er den Leser oft auf das Set ein. Aber das ist nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe ist es, einen oder mehrere wesentlichen Elemente zu präsentieren, die nicht anders im Text unterzubringen sind.

Wenn man „vergisst“, den Prolog zu lesen und sich im Laufe des Textes keine Fragen ergeben bzw. wenn nichts wesentlich klarer oder gar umgedeutet wird, wenn man den Prolog im Nachhinein liest, dann hat der Prolog diese Aufgabe nicht erfüllt.

Das heißt nicht, dass ein Prolog, der nicht so unverzichtbar zur Story beiträgt, immer schlecht ist. Aber er ist überflüssig und idealerweise ist in einer Geschichte, einem Buch nichts überflüssig. Da andererseits Prologe aber oft wirklich eher schlecht sind – sie entweder vor Infodumping nur so triefen, beim Versuch der Spannungserzeugung etwas schiefging oder der Prolog so merkbar überflüssig ist, dass man sich ärgert, Zeit daran verschwendet zu haben – sollte man ihn wirklich nur nutzen, wenn es gar nicht anders geht. Und das ist meiner Erfahrung sehr selten der Fall.

Wozu dient der Epilog?

Auch für den Epilog gilt: Er soll etwas Essentielles nachliefern, das aber darf nicht die Essenz des Buches sein. Beispiel: Wenn ein Krimi erzählt, wie der Kommissar den Fall löst, darf die Lösung durch den Kommissar nicht im Epilog stehen. Wenn die Essenz des Krimis darin besteht, dass der Kommissar scheitert, dann darf im Epilog stehen, dass irgendwann irgendwer des Fall löst.

Es gibt noch eine zweite Funktion des Epiloges: Wenn es auch einen Prolog gibt, dann vollendet der Epilog gewissermaßen die Klammer um den Haupttext. Tut er das nicht, ist also ein zweites „Sonderkapitel“, wirkt das meist wie ein Konstruktionsfehler.

 

Merksatz: Benutze die Mittel „Prolog“ und/oder „Epilog“ nur, wenn es gar nicht anders geht.

Advertisements

Der Dexter-Effekt

Kennen Sie Dexter? Dexter Morgan? Ja genau, das ist dieser sympathische Serienkiller aus der Serie „Dexter“, die nur spätabends laufen darf, weil es so blutig darin zugeht. Deshalb – also weil sie immer nur im Spätprogramm läuft und ich deshalb oft Teile verpasste – hatte ich mir vor geraumer Zeit die DVDs zugelegt. Dann war ich erstmal für einen knappen Monat für jede andere Bildschirmkost verloren, denn ich geriet ziemlich schnell in einen Sog, der mich Scheibe um Scheibe einlegen ließ. Dieser Effekt tritt, wenn auch etwas abgeschwächt, noch immer auf, selbst nach drei oder vier Durchläufen.

Aber das ist nicht der Dexter-Effekt, von dem ich reden möchte. Auch wenn es durchaus mal eine tiefere Analyse wert wäre, wie dieser Sog erzeugt wird, denn davon – so eine Spannung zu erzeugen – träumen wohl die meisten Autoren. Doch auch der Effekt, auf den ich hier hinaus will, ist für Schreiber von Belang.

Denn eigentlich ist Dexter gar nicht sympathisch. Er tut nur so. Es ist seine Maske, die – auch wenn sie im Laufe der Zeit immer „echter“ wird – auch auf unsere Wahrnehmung abfärbt. Obwohl wir als Zuschauer wissen, dass Dexter eigentlich alle belügt und sie manipuliert, empfinden wir das als nicht als abstoßend. Weil wir wissen, warum er das tut, und ihm dabei zusehen können, wie er es tut. Obwohl Dexter mordet – und zwar durchaus auch brutal und ganz erklärtermaßen aus Genuss am Töten – sind wir geneigt, nachsichtig zu sein, denn wir wissen, wie er so wurde, und bekommen glaubhaft erzählt, dass er keine Wahl hat. Und – und das ist ganz, ganz wichtig – er tötet nur die Bösen. Selbst dann, wenn er sich vertut und keine Mörder erwischt, hat sein Opfer nur bedingt unser Mitleid. Der große Trick besteht darin, dass wir immer öfter den Eindruck bekommen, dass Dexter ein besserer Mensch ist, als er es von sich glaubt und es uns – er agiert als Ich-Erzähler –„verkaufen“ will. Wir nehmen ihn als Opfer der Umstände wahr, er wird immer mehr zu Gejagten, statt zum Jäger, und immer wieder wird mit der Erwartung gespielt, dass Dexter der Mord-Sucht entkommt und sein Happy End erleben darf. Das übrigens findet nicht statt, auch wenn die letzte Staffel verdammt nah dran lang schrammt.

Die Faszination Dexter entsteht auf den ersten Blick aus diesem Spannungsfeld des offenkundig Bösen, den wir in der Nahsicht als Opfer (und damit unserer Zuneigung berechtigt) und schließlich sogar Liebenden kennenlernen. Und hier auf dieser Gegenseite zu dem Bösen, steckt das, was alle guten Figuren brauchen: Menschlichkeit.

Menschlichkeit bei einem Serienkiller? Nicht, wenn man das Wort als Synonym für „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ benutzt – klar. Wohl aber in dem Sinne, dass sich in ihm das „allzu Menschliche“ immer wieder Bahn bricht. In den ersten Staffeln zum Beispiel der Komplex der zwischenmenschlichen Kommunikation, die viel mehr, als den meisten bewusst ist, von Konventionen, eingeübten Mustern und Erwartungen lebt. Was passiert, wenn man Gefühle unterdrückt. Die Rolle von Masken. Von Vorbildern bzw. Mentoren. Besessenheit. Kontrollverlust und Über-Kontrolliertheit. Einige der Themenkomplexe findet man schon in der Ausrichtung der Staffeln wieder. Familie oder Glauben zum Beispiel. Anderes kommt in den Mordszenen mehr oder weniger kurz zur Sprache, jenen Momenten, in denen Dexter völlig offen und unverstellt mit seinen Opfern spricht. Und immer wieder ist es der Effekt, dass sich Instinkte und Reflexe Bahn brechen, die Dexter von sich nicht erwartet hat und die auch wir nicht erwarten und nur schwer in unser „eigentlich ist Dexter ein guter Mensch“-Schema einfügen können. Für mich gehört zum Beispiel sein Ausraster, in dem er einen Mann, der ihn ein wenig nervt, brutal overkilled, zu den beeindruckendsten der Serie.

Zum Schluss noch ein Eingeständnis: Vielleicht finde ich Dexter auch nur so faszinierend. weil seine Sicht auf „die Menschen“ meiner ähnelt – Beobachter und Beobachteter in einem. Nur das mit dem Morden, das wäre echt nicht mein Ding. Außer auf dem Papier natürlich …

Falsche Tipps: Die Ich-Perspektive

In Schreibforen kursieren viele Tipps und auch die Zahl der regelrechten Schreibratgeber – ob nun als Buch oder per Blog beziehungsweise Homepage – steigt stetig. Manchmal wird da Unfug erzählt, noch öfter passiert es, dass eher vage Faustregeln als DIE Weisheit für alle Lebenslagen verkauft werden.

Nehmen wir zum Beispiel die gern suggerierte Aussage, die Ich-Perspektive sei (neben der Wahl der Gegenwart als Erzählzeitform) DAS Mittel, einen unmittelbaren Text zu erzeugen und den Leser so richtig tief ins Geschehen zu holen.

Es stimmt tatsächlich, dass man als Leser, der den Ich-Erzähler begleitet bzw. ihm zuhört, eine Nah-Sicht auf das Geschehen bekommen kann. Vorausgesetzt, der Ich-Erzähler hat diese Nah-Sicht auch. Das ist zwar meist der Fall – in der Regel ist dieses Ich an der Handlung beteiligt oder sogar Hauptfigur – aber nicht zwingend.

Es stimmt auch, dass ein Ich-Erzähler sehr unmittelbar seine Gedanken und Gefühle zum Geschehen äußern und damit dem Leser mitteilen kann. Auch das ist zwar in den vom Ich-Erzähler stark geprägten Genres oft der Fall, aber es ist noch weniger zwingend als die Nah-Sicht. Zum anderen ist dieses Zeigen von Gefühlen und Gedanken durchaus nicht an die Ich-Perspektive gebunden – in der personalen Erzählweise wird es fast ebenso ausgiebig praktiziert und auch bei einem auktorialen Erzähler ist das durchaus eine Option.

De facto entbindet die Wahl des Ich-Erzählers als Perspektive nicht davon, all die Mittel zu nutzen, die auch bei jeder anderen Perspektive für den gewünschten Abstand (hier also die Nähe und „Einbindung“ des Lesers) sorgt. Das beginnt mit der Glaubwürdigkeit von Figuren und Plot, reicht über ein wirkungsvolles Infomanagement (zum Spiel mit der Spannung) bis hin zu stilistischen Aspekten wie Sound und Rhythmus.

Um nicht missverstanden zu werden: Dies hier ist kein Plädoyer gegen die Ich-Perspektive. Es ist nur eines gegen den Glauben, das sei ein hinreichendes Mittel, um den Leser „in den Text zu holen“. Dieser Irrtum führt nämlich oft genug dazu, dass Autoren sich den Schwierigkeiten und Zwängen, die diese Perspektive mit sich bringt, aussetzen – und dabei nicht selten Fehler machen –, ohne zugleich deren spezielle Möglichkeiten zu nutzen. Oft kommt einfach nur ein Text heraus, der ohne jeglichen Verlust oder Gewinn in eine personale Erzählweise übertragen werden könnte.

Was genau also kann die Ich-Perspektive?

Wie in einer sehr eng an der Figur gehaltenen personellen Erzählweise kann man mit dem Ich-Erzähler den Erlebensfokus extrem dicht an der entsprechenden Figur halten. Emotionen, Gedanken, Abwägungsvorgänge oder ihr Fehlen sind organischer Bestandteil dieser Perspektive. Das geht aber – wie schon erwähnt – auch ohne große Mühe mit der personellen Erzählweise.

Sinnvoll ist diese Perspektive, wenn der Ich-Erzähler etwas Erinnertes erzählt. Das heißt, dass der Ich-Erzähler vorgreifen oder Hintergründe und Zusammenhänge, von denen er später erfahren hat, zeigen kann. (Was sich bei den ich-lastigen Genres allerdings in der Regel damit beißt, dass diese auch noch die Gegenwartsform als Unmittelbarkeitswerkzeug bevorzugen. Aber dazu ein andermal.) Wenn es nur darum geht, tut es ein auktorialer Erzähler aber genauso gut.

Im Tagebuch-Roman (u. ä.) kann das Rückgreifen und Erhellen der Zusammenhänge in besonderer Weise gestaltet werden. Das ist eine typische Ich-Erzähler-Situation. Höchstens ein als Ich erkennbarer Fremderzähler passt hier noch; damit meine ich ein Ich, das zwar nicht an den erzählten Ereignissen beteiligt ist, aber von ihnen Kenntnis bekommt und nun erzählt, wie er/sie was erfahren hat.

In besonderem Maße ist die Ich-Perspektive aber geeignet, wenn es um den nicht vertrauenswürdigen Erzähler geht.

Das kann heißen, dass der Ich-Erzähler Dinge nicht objektiv wahrnimmt und also auch nicht so wiedergibt, wie sie wirklich sind/waren. Idealerweise (also wenn der Autor das geschickt macht) merkt der Leser aber irgendwann, dass hier eine verschobene Wahrnehmung oder sogar ein Selbstbetrug stattfindet. So etwas geht nur unter Mühen bei der personellen Erzählweise, und es geht nicht beim objektiven/neutralen Beobachter oder auktorialen Erzähler – in diesen beiden Fällen müsste explizit gekennzeichnet sein, wenn die Figur sich irrt.

Noch extremer ist der unglaubwürdige Erzähler, wenn er gezielt lügt. Etwas, was in der personalen Erzählweise so nicht möglich ist – da kann man die Figur zwar in ihrer Rede lügen lassen, aber nicht in den wiedergegebenen Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen.

Auch das stark manipulierende Erzählen ist am plausibelsten mit einem Ich-Erzähler oder einem als Ich erkennbaren Fremd-Erzähler (der nicht an der Story beteiligt war/ist, die er erzählt). Damit meine ich den Effekt, dass die Worte so gewählt werden, dass sie der Wahrheit entsprechen, im Leser/Zuhörer aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein falsches Bild erzeugen. Gezieltes Weglassen, manipulierende Detailinfos, zielgerichtete Mehrdeutigkeiten, Ausnutzen von sprachlichen Spielräumen etc. sind dafür typische Mittel.

Summa summarum: Die Ich-Perspektive ermöglicht Nähe und Unmittelbarkeit, garantiert sie aber nicht. Sie schafft Vertrauen in den Erzähler und ist zugleich ideal, dieses zu erschüttern. Die Ich-Perspektive ist ein Stilmittel – eines von vielen anderen, die ebenso keine Geling-Garantie bieten. Es gilt wie immer: Kann man machen – wenn man es kann.

Zipp zum Thema Perspektive: Robert Corvus auf youtube

Gendern – zwischen Ambition und Praxis

Das Thema ist nicht neu, aber es wird immer wieder diskutiert. Das Stichwort dazu heißt „Gendern“ und meint, man solle doch, wenn man sich in einer Aussage nicht auf Mann oder Frau festlegt, auch beide ansprechen. In der aktuellen Federwelt (ein Magazin für Autoren) wird das gerade mal wieder aufgegriffen – im Blog ist das nachzulesen.

Sandra Uschtrin, Chefin von Federwelt, ist fürs Gendern. Mehr noch, sie hält es für so wichtig, dass sie Artikel allein aus dem Grund abzulehnen bereit ist, wenn der/die AutorIn nicht bereit zum Gendern ist. Die Begründung – sie läuft auf „Sprache prägt das Denken“ hinaus – leuchtet ein. Und die schriftliche Lösung, die im Autorenmagazin zur Anwendung kommt, ist eine halbwegs elegante Version. Sprechbar ist „der/die AutorIn“ allerdings nur unter Aufgabe von Eleganz: Die krampfhaft vermittelte Korrektheit klingt nach staubigem Amts- oder sogar Juristendeutsch.

Das ist jedoch nicht der wichtigste Grund, warum ich eher auf Seiten von Andreas Eschbach stehe, der den Contra-Artikel verfasste. Auch nicht, weil ich seinen Schwerpunkt auf „künstlerische Freiheit“ so gut gelungen fände, denn das tue ich nicht. Aber ich teile die Ansicht, dass es sich bei der Gender-Manie um Augenauswischerei handelt. Das Beispiel, dass es im Vietnamesischen überhaupt keine grammatischen Geschlechter gibt, was trotzdem nicht zu einer völligen Gleichberechtigung von Mann und Frau geführt hat, trifft die Sache.

Dazu kommt, dass ich die Betonung des biologischen Geschlechtes sogar als diskriminierender empfinde. Ich mache die Arbeit, die ein Redakteur macht. Punkt. Ich schreibe Texte, wie ein Autor eben Texte schreibt. Punkt. Das tue ich auf meine eigene Weise, die – natürlich – auch dadurch geprägt wird, dass ich eine Frau bin. Aber auch die Herren Eschbach, King und Grass schreiben auf ihre jeweils eigene Weise und bekommen trotzdem keine Extra-Endungen beim Wort Autor.

Nun ist Gendern im Text – also beim geschriebenen Wort – oft recht einfach zu machen und wer das partout will, soll’s in drei Teufels Namen tun. Beim Vorlesen hapert es dann aber schon und bei Reden oder in Gesprächen wird es zunehmend albern. Das führt dazu, dass in Texten, die Gespräche wiedergeben, doch oft aufs Gendern verzichtet wird. Ab und an trifft man dann auf die Variante, dass – wie in einem weiteren Beitrag der aktuellen Federwelt – mal Autor und mal Autorin gesagt wird. Das ist aber spätestens dann die schlechteste Lösung, wenn – wie in jenem Interview – „gutes“ Verhalten mit Autoren, „nicht so gutes“ mit Autorinnen assoziiert wird. „Uups!“, kann ich da nur sagen.

Alles in allem: Ja, Sprache prägt das Denken. Aber Denken prägt auch die Sprache. Ich halte es für sinnvoller, das Denken zu ändern, es normal sein zu lassen, dass eine Berufsbezeichnung (u. ä.) nur den Beruf und nicht das Geschlecht des Ausübenden meint. Wenn das Geschlecht eine Rolle spielt, dann sollte das der erwähnenswerte Sonderfall sein.

Durchwachsen mit Highlights: „Im Licht von Orion“

Ich habe nicht viel Zeit und Muse, außerhalb des Jobs noch etwas zu lesen. Eine Geschichtensammlung kam mir da gerade recht. Science Fiction aus deutscher Feder verspricht „Im Licht von Orion“ aus dem Verlag für Moderne Phantastik. Warum der Untertitel („2015’ Collection of Science Fiction Storys“) englisch sein musste, wissen wohl nur der Verleger und die Herausgeberin Peggy Weber-Gehrke. Dass das Cover-Motiv sehr Fantasy-artig wirkt, störte mich hingegen überhaupt nicht. Außerdem kann man durchaus einen Bezug zum Inhalt herstellen – aber dazu später.

Zur Sammlung also …

Die Güte der Texte spannt sich über fast die gesamte Qualitätsbreite. Ganz dicht an „Das geht gar nicht“ bewegte sich zum Beispiel „Das Symbol“ von F. Anderson. Die eher krude Wüsten-Abenteuer-Story ohne nennenswerten Spannungsbogen, dafür mit emotionsloser, aber kitschig formulierter Love-Episode und wie abgehackt wirkendem Ausgang, der eine Weiterführung fürchten lässt, ist in einem Stil erzählt, wie ich ihn eigentlich nur von Erst-Schreibern (und welchen, die in dem Stadium steckenbleiben) kenne. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Es gibt noch eine zweite Story von F. Anderson in der Anthologie und diese ist zwar auch nicht perfekt – insbesondere die sehr unoriginelle Idee enttäuscht – aber doch um Längen besser erzählt.

Das betrifft auch die anderen Storys, die ich eher an der Nicht-so-überzeugend-Seite ansiedeln würde. Mal erreichte mich die offenbar beabsichtigte Stimmung nicht, mal fehlte mir bei aller Technikerklärung die Story, mal waren die Dialoge unglaubhafte Infodump-Vehikel. Einmal ärgerte ich mich über die verpatzte Pointe, die eine an sich witzige Wendung ins Kitschig-Alberne überdehnte. Dazu kommt, dass vor allem am Anfang so viel Setz- und Korrektoratsfehler enthalten sind, dass der Einstiegseindruck nicht eben überzeugend war.

Und jetzt das Aber: Das alles ist nur ein Teil der Anthologie – ein Sechstel oder Fünftel vielleicht. Der „Rest“ der Geschichten ist gut bis sehr gut. Also sprechen wir lieber über einige dieser Geschichten …

Cliff Allisters Story rund um Wells’ Zeitmaschine ist stimmig gemacht, kam mir aber sehr vertraut vor. Sicher, dass der Text 2015 das erste Mal veröffentlicht wurde?

Die „Flitterwochen“ von Matthias Falke hatten eine ausgesprochen nette Idee in Sachen „fremde Gebräuche“, spielen erzählerisch aber nicht ganz oben mit.

„NNT 275“ von Galax Acheronian bot beides: eindrucksvolle Ideen, die mich voll und ganz ansprachen, und Erzählkunst. Auch „Harmonice mundi“ von Regine Bott überzeugte mich in dieser Hinsicht. An beiden Texten gefällt mir vor allem, dass Themen aufs Tapet kommen, die in allen Zeiten zu den eher problematischen oder zwiespältigen Aspekten des Menschseins gehör(t)en. In gewissem Sinne gehört auch „Reha 2.0“ von Michael Stappert dazu, wobei hier der Bogen zu den Niederungen wirtschafts-politischer Entscheidungen schon sehr deutlich geschlagen wird. In „Der Gebühreneinzugbevollmächtigte“ von B. C. Bolt geht es ebenfalls ums Finanzielle, allerdings wird hier ein richtig schön schwarzhumoriger Tonfall angeschlagen.

An der Stelle ein kleiner Rückgriff in die Schublade der grenzwertigen Story: „Spätes Erwachen“ ist die Geschichte, die den oben erwähnten Bezug zum Cover-Motiv herstellt. Michael Thiele erzählt in einem durchaus süffigen Ton von einem Amazonen-Abenteuer. Leider sind einige Erotik-Elemente eher albern (Lieber Herr Thiele: Soooo groß ist das weibliche Interesse an der männlichen Brust nicht, vor allem nicht, wenn da was anderes ist der Gegend rumsteht.) und die eigentliche Geschichte (Was ist das für ein Typ, was macht er da und was bedeutet dieses Erlebnis für ihn?) wird nicht hier erzählt.

In „Zilie“ führt Christopher Dröge andererseits vor, dass dieses „Worum geht es eigentlich“ gar nicht immer in eine Geschichte hineingepresst werden muss. Er entfaltet im Hauptteil der Story ein farbiges Bild von einem unter wirtschaftlicher Knute Chinas stehenden Afrika, kombiniert es mit einer glaubhaften Außenseiter-Story und einem spannenden Seltsame-Ereignisse-Plot. Das war richtig, richtig gut geschrieben. Leider konnte er sich nicht verkneifen, im Ausklang noch ein Haufen Hintergrundinfos für diese Ereignisse zu liefern – das ist zwar auch süffig gemacht, zerdehnt aber den Spannungsbogen nach hinten raus etwas zu sehr.

Die Highlights der Anthologie sind für mich „Fehler im System“ von Oliver Koch und „Die Verführung der Mona Lisa“.

In ersterer Story überraschte mich zuerst die sehr schlicht gehaltene Sprache: Es „hörte“ sich an, als erzähle ein Kind. Dann wurde klar, dass es um einen erwachsenen Mann ging. Geistig zurückgeblieben vielleicht. Dazu passten – so merkwürdig das auch klingen mag – die wunderschönen, hochkreativen Formulierungen, wenn es um tiefe Gefühle des Protagonisten geht. Da hat jemand mal so ganz und gar nicht auf Standards zurückgegriffen – vielleicht der Held aus Unwissen um diese Konventionen, der Autor vermutlich, um sehr wirksame Akzente zu setzen. Dass sich diese so spezifisch eingeschränkte Sprachfähigkeit auch ganz anders erklären lässt, wird erst am Ende klar. Ich neige beim Lesen wirklich nicht zu Gänsehaut – hier hatte ich so einen Moment.

Ganz anders die Wirkung von „Die Verführung der Mona Lisa“ von Rico Gehrke. Hier herrscht von Anfang an eine sehr gekonnte und dabei völlig natürlich wirkende Sprache vor. Der Mann, der da von seiner irritierenden, ihm aber durchaus angenehmen Begegnung mit einer bildschönen jungen Frau spricht, ist bis in die Haarspitzen hinein glaubhaft. Beide Figuren sind ausgesprochen sympathisch, obwohl sie Dinge tun und denken, die in anderer Verpackung wohl eher Naserümpfen auslösen würden. Man versteht aber, warum sie es tun, und dass es in gewissem Sinne die natürlichsten, die menschlichsten Reaktionen der Welt sind. Die Story kommt ohne Effekthascherei aus und entwickelt sich doch nach allen Regeln der Kunst zu einer schönen Überraschung.

Nun könnte ich sicher noch über die anderen Geschichten sprechen – hier und da reizt es mich sogar –, aber für einen Eindruck soll das hier mal genügen. Alles in allem: „Im Licht von Orion“ ist nicht die perfekte SF-Story-Sammlung, aber eine durchaus lesenswerte mit richtig schönen Perlen. Kaufempfehlung!

WetGrave: Ein Schwelgen in Gruselelementen

WetGrave ist die völlig überarbeitete Neuveröffentlichung eines älteren 80-Seiten-Buches von Alf Stiegler. Ob man die Story wirklich als  224-Seiten-Variante (der Rest im Buch ist Werbung für das weitere Werk des Autors) nochmal rausbringen musste, weiß wohl nur der Autor; immerhin bekam ich sie so in die Hand. Und: Die Idee, der Grundplot gefällt mir.

Aber: Das Buch gefällt mir nicht, nicht richtig jedenfalls. Und das liegt weniger daran, dass ich so gar keinen Nerv für Horror und Grusel habe und das Buch zu zwei Dritteln aus genau sowas besteht – und zwar fast in Reinform. Schon eher daran, dass ich auf einen Lesemodus umstellen musste, bei dem nicht ständig mein Lektoratsradar ansprang. Zum Beispiel ertappte ich mich am Anfang immer öfter bei dem Gedanken, wann es denn nun endlich losgeht; vor allem die Redundanzen machten das erste Viertel recht behäbig. Dazu kamen zwei in Sachen Erzählerstandpunkt unpassende Kapitel, das zweite davon war zudem ausgesprochen überflüssig.

Im ersten Drittel des Buches erfährt man als Leser von den Bases, einem umfangreichen System vom Raumstationen, die um die völlig verschmutzte und ausgelaugte Erde kreisen und die der Oberschicht und dem Mittelstand Heimstatt bieten. Die Menschen, die auf der Erde dahinvegetieren, werden Bürger genannt. Hauptreisemittel ist ein System vom Sprungtoren, die unter Ausnutzung von Dimensionswechseln funktionieren. Das alles – die Bases samt der Tore – wird als Basenet bezeichnet, dieses wiederum wird von einer Mega-Firma namens HypCon kontrolliert. Gegen diese Firma hat der Protagonist namens Pressure offenbar etwas; wie das kam, bleibt weitgehend offen. Wie die Sprungtore funktionieren, erklärt Pressure einem jungen Sicherheitsmann. Die Methode, Infodump in Dialogen zu tarnen, ist weit verbreitet und in dem Fall nur durch einen dabei fallenden Schlüsselsatz zu entschuldigen, der später im Buch noch von Bedeutung sein wird.

Auch eine zweite Information wird über diesen Dialog an den Leser gebracht; weniger glaubwürdig diesmal, was mir die Infodump-Tarnung unangenehmer machte. Der Leser erfährt darin von einer Legende, die – aus nur sehr unzureichend nachvollziehbaren Gründen – als WetGrave in die Folklore der Bases eingegangen ist. Pressures Äußerungen legen nahe, dass er die Legende durchaus nicht als reines Schauermärchen versteht. Mittels eines speziellen Codes der Art, wie sie für die Dimensionsreisen nötig sind, macht er sich daran, das große Geheimnis zu lüften.

Und was dann kommt, ist in allererster Linie ein Schwelgen in Grusel- und Horrormotiven: Stoffgewordene Schwärze, eklige Oberflächen, „ungute Gefühle“, Glibber, im Unsichtbaren bleibende aber spürbar werdende Wesen mit Totenkopf-ähnlichen Schädeln und gespenstigen Körpern, üble Gerüche, gifte Gase, Erbrochenes, Wände rohen Fleisches, Feuchte an allen Ecken und Enden, unsägliche körperliche Verstümmelungen, schreckliche Schreie und qualvolles Quieken … sogar das Motiv des Geisterhauses findet sich und auch der Typ, der einen Blick auf die andere Seite wirft und als seelisches Wrack zurückkommt, fehlt nicht. All das ist recht süffig runtererzählt und dank des oben erwähnten Lesemodus kam ich ohne größere Stolperer gut voran. Nur dass ich, wie ebenfalls schon erwähnt, so gar keinen Nerv für sowas habe und es eher als Ausbremsen des Plottes empfand. Die Frage „Was ist da los?“ wird in dieser gesamten Zeit in der Schwebe gehalten und zwar so sehr, dass sie dabei erstarrt. Es gibt nichts, was man als Annäherung an die Antwort oder als ein Vertiefen der Frage hätte lesen können – alles ist irgendwie nur Kulisse.

Im hinteren Viertel zieht die Handlung dann aber wieder an und zum reinen Ekel- und Horror-Gemenge kommt nun auch echte, plotbedingte Spannung hinzu. Diese steigert sich in dramaturgisch geschickter Weise und mündet in einen gut konstruierten Höhepunkt mit Auflösung und passendem Ausklang. Das versöhnte mich mit dem langen Anlauf.

Fazit: Fans des fantastischen Horrors sind mit dem Buch gut bedient. SF-Fans brauchen die Bereitschaft, sich in die Grusel-Ecke zu begeben, da der SF-Faktor doch über weite Passagen in den Hintergrund rutscht. Für Freunde richtig gut gemachter Erzählungen ist das Buch wohl eher ein Pausenfüller. Trotzdem: Ideen und Plot sind gut und auch lesen lässt sich das Ganze recht süffig.

Alf Stiegler: „WetGrave“, Books on Demand; Auflage: 1 (23. September 2016), ISBN-13: 978-3741255816, ISBN-10: 3741255815, 240 Seiten

Wenn der Stil blüht und die Fakten weinen

Das Wort Stilblüte steht eigentlich für eine „Formulierung, die durch ungeschickte, falsche oder doppelsinnige Verknüpfung von Redeteilen ungewollt komisch wirkt“, erklärt duden.de. Der Klassiker „Napoleon starb auf Helena“ ist dafür ein typisches Beispiel. Was so manche Journalisten, PR-Leute und andere Wortarbeiter so treiben, geht jedoch darüber hinaus. Zum Teil sogar weit darüber hinaus …

Überschrift einer Pressemitteilung, die mir im Job zuflatterte:
„Richtig dekoriert genießen Mieter und Vermieter die (Vor-)Weihnachtszeit“
Was wäre denn die richtige Dekoration für die Mieter und Vermieter? Orden? Brillantkollier? Oder Rentiergeweihmütze? Und müssen sich Mieter und Vermieter unterschiedlich schmücken?

Aus der TV-Werbung für einen Kehr-Roboter:
„Der Roomba entfernt Haare, Staub und Schmutz für zwei Stunden.“
… und dann schüttet er das alles wieder breit?

Das Magazin „Ratgeber Lust auf Natur“ überschreibt in der Dezember-Ausgabe 2016 einen Artikel zum Thema Weihrauch mit:
„Heilsamer Harz“
Allerdings wird im gesamten Text nicht ein einziges Mal das mitteldeutsche Mittelgebirge erwähnt.

Frage beim Radio PSR Sachsen-Quiz:
„Was ist der Biedermeier?“
Die Antwort „eine Stilepoche“ ist natürlich falsch, denn die Epoche ist „das Biedermeier“.

Im Online-Training zum Quiz fragt PSR:
„Welche Band würde von Xavier Naidoo mitbegründet?“
… falls was?

PSR-Meldung zum Verfassungsreferendum in Italien:
„Die Wahlurnen schließen um 23 Uhr.“
Na hoffentlich hatten die Wahllokale auch so lange auf.

Aus einer PSR-Fußballmeldung am 3. 12. 2016:
Der FC Bayern hatte sein Spiel gewonnen und sich damit wieder auf den ersten Platz der Tabelle gesetzt; Konkurrent RB Leipzig allerdings hatte sein Wochenendspiel noch vor sich. Der Sprecher stellte fest: „RB kann gegen Mainz noch aufholen.“ Zu dumm, dass RB dann doch gegen Schalke angetreten ist.