Es kommt (nicht) auf die Länge an

Manche Fragen werden in Foren immer wieder gestellt. „Wie lang darf / muss ein Buch / Kapitel sein?“ ist so eine Frage. Dabei ist die Antwort ganz einfach: So lang, wie es die Geschichte verlangt.

Nein, das stimmt so natürlich nicht. Obwohl es so durchaus stimmt.

Na was denn nun?

Dröseln wir es mal von hinten her auf. Wofür könnte es überhaupt wichtig sein, wie lang ein Buch, eine Geschichte oder jedes Kapitel ist? Schnellste Antwort: Ist ein Buch „zu teuer“ – mit Blick auf den Absolutpreis oder auf den Preis pro Seite – findet es weniger Käufer. Zweitschnellste Antwort: Je besser man Lesergewohnheiten bedient, desto größere Chancen hat man, Leser zu finden. Aus beiden Überlegungen erklärt sich, dass Verlage oft einen Seitenrahmen vorgeben. Wenn man für eine Heftromanreihe schreibt, sind es nicht mal mehr Rahmen, es werden haargenau so und so viele Seiten verlangt, wie die entsprechende Reihe eben aufweist.

Ja aber … Die Geschichte!

Stimmt, die Geschichte. Eine gut gebaute Geschichte, die gut – und ich ergänze ausdrücklich: effektiv – erzählt wird, hat genau die Länge, die sie braucht. Man kann sicher durch Straffen hier oder etwas mehr Breite dort die Seitenzahl um ein, zwei Prozent variieren; wenn es um eine Anpassung an die geforderte oder selbstgewählte Seitenzahl von acht, neun, zehn oder mehr Prozent geht, dann muss man für gewöhnlich die Geschichte verändern. Wenn die Änderungen, die man am Text macht, die Geschichte nicht verändern, dann war diese vorher entweder nicht gut gebaut oder nicht gut erzählt.

Man kann natürlich von vornherein eine Geschichte entwerfen, die eher viel oder eher wenig Text braucht. Bauchschreiber sind da ein bisschen im Nachteil, weil sie die Geschichte erst während des Schreibens entwickeln. Mit etwas Erfahrung spielt sich aber auch das ein.

Ähnliches gilt für Kapitellängen. Da spielt das Argument mit dem Preis natürlich keine Rolle, Lesergewohnheiten können jedoch schon von Belang sein.

Aber – und jetzt lehne ich mich bewusst aus dem Fenster – falls Sie sich dabei ertappen, darüber nachzudenken oder Ihre Kapitellängen mit denen in anderen Büchern zu vergleichen, dann hören Sie auf zu schreiben! Für den Moment jedenfalls. Hören Sie stattdessen in sich hinein: Warum schreiben Sie? Warum diese Geschichte? Wenn Sie es in erster Linie tun, um berühmt oder reich oder beides zu werden oder weil Sie es irgendwie toll finden, sich Schriftsteller nennen zu können, dann bitte, zerhacken Sie die Geschichte ruhig in schön gleichmäßige Stücke.

Wenn nicht, vertrauen Sie der Geschichte! Sie sagt Ihnen, wie sich die Spannungsbögen erstrecken. Denn darum geht es: Um die Spannungsbögen, die sich über die inhaltlichen Einheiten hinziehen. Kapiteltrennungen nach Textmenge, nach erzählten Tagen, nach Orten ­– all das sollte nicht Ihr Maß sein.

Wenn Sie (z. B.) auch mit Blick auf den Spannungsbogen tageweise erzählen – okay, dann ist das so. Oft habe ich allerdings das Gefühl, dass diese schematische Einteilung beim Erzählen primär ist, sozusagen das beim Plotten erstellte Gerüst, auf das die Geschichte dann angepasst wird. Das hat unbestreitbar Vorteile beim Überblick-Behalten. Man neigt beim Schreiben aber auch leichter dazu, Füllmaterial einzubauen, nur um für diesen Tag oder Ort mehr Text zu haben.

Und je gleichmäßiger diese Kapitelbildung erfolgt, desto langweiliger wird das Buch. Das heißt nicht, dass das Buch deshalb einschlaf-langweilig werden muss, aber mit so einer gleichförmigen Grundtaktung verschenken Sie Potential. Wie bei einem Lied mit vielen gleichlangen Strophen; Musiker variieren nicht umsonst ab und an die Melodieführung oder schieben Zwischenspiele oder Soli ein.

Also: Wenn Sie nicht aus vertraglichen oder marketingtechnischen Gründen an bestimmte Längen gebunden sind, fragen Sie nicht, wie lang ein Buch sein darf oder sein soll und erst recht nicht, wie lang ein Kapitel sein darf oder sein soll!

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Text des Monats: Geschickt gemacht

Es gibt Storys, die überzeugen auf Anhieb – durch die Sprache, die Figurenzeichnung und den Plot. „Menage a trois“ von Bernd Matzke gehört für mich dazu. Dabei ist die Sache gar nicht aufwändig gemacht – es gibt nur das absolut nötige Minimum an Kulissen, die inneren Regungen der Figuren werden sparsam, dafür aber hochpräzise, vermittelt. Und das alles korrespondiert mit einem exakt gebauten Gewebe aus Handlungsablauf und Hintergrundenthüllung.

Mehr will auch gar nicht zu dem Text sagen. Außer: Viel Spaß beim Lesen!

Fundstücke

Ein Arbeitgeberwechsel bringt Änderungen mit sich. In meinen Fall zum Beispiel, dass ich nun auf anderen Webseiten herumstöbere. Hier der Rest der alten Fundstücke:

Aus den Titeln von Pressemitteilungen:

Ver(Sicher)t im Internet – Safer Internet Day 2018
Was soll „Vert im Internet“ wohl heißen?

Sorge um Einbrüche nimmt zu
Einbrüche leiden zunehmend unter Allergien, Kalziummangel und Arbeitslosigkeit – da muss man sich schon Sorgen machen.

Smart und sicher! Wie Sie sich die Intelligenz nach Hause holen
Lernen?

Focus.de meldete:

Der Täter riss die Verpackung eines Küchenmessers auf und stach damit auf seine Opfer ein.
Was für einen Schaden hätte er erst angerichtet, wenn er mit dem Messer zugestochen hätte!

Aus Webseiten von Golfclubs:

Heute ist es etwas bewölkt, aber perfektes Wetter für den Platz für Sie noch schöner zu machen.
Und dann wird es höchste Zeit für Deutsch zu lernen.

Es ist immer nur ein Grün betroffen und anschließend sofort wieder Spielbar.
Ich dachte, man nennt es Golfplatz, aber es ist wohl eine Spielbar.

 

Kurze Meldung zum neuen Jahr

Liebe Blog-Mitleser, ich lebe noch. Dass es in den letzten Monaten so still hier war, lag daran, dass ich bis zum Hals in einem interessanten Lektoratsprojekt steckte. Seit 16. Januar 2018 ist „Das Jesus-Experiment“ von Bernd Roßbach nun im Handel und ich hoffe, wieder mehr Zeit für den Blog zu finden.

Als Zeichen des Wiederanfangs gibt es gleich ein Januar-Gedicht von meinem Lieblingsdichter. Erich Kästners lakonischer Tonfall passt hervorragend zur Januar-Stimmung. Auch wenn heutzutage der Januar nicht in allen deutschen Landstrichen mit Eis aufwartet, Schnee mancherorts Mangelware ist, man sogar schon die Meisen balzen hören kann – also zumindest hier in Leipzig – und die Supermärkte unverdrossen Primeln und andere Frühblüher anbieten: Diese „Man steht am Fenster und wird langsam alt“-Melancholie kennen viele wohl trotzdem.

Aber man kann sich ja ein Buch schnappen und sich in andere Gefilde lesen. „Das Jesus-Experiment“ spielt zwar auch im Winter und kuschlig ist es wirklich nicht, was Neurowissenschaftler Jennings erlebt, aber interessant ist die Idee von den durch die Vorfahren vererbten Erinnerungen schon. Vor allem, wenn man diese – wie Jennings – abrufen und sich die Episoden aus der Vergangenheit wie in einem Videofilm ansehen kann. Was wäre, wenn man so zum Beispiel Jesus sehen könnte?

Prolog: „Pfui!“ oder „Muss sein!“?

Das Thema Prolog löst immer wieder Diskussionen aus. Die Spanne reicht von „Prolog geht gar nicht!“ bis „Prolog muss im Genre XY sein!“. Die Gründe für die Ablehnung sind die vielen schlechten oder zumindest überflüssigen Prologe, der Hauptgrund für den Zuspruch ist eine falsche Vorstellung davon, was ein Prolog „soll“. Hier mal das, was ich eben auf www.texte-jon.de eingestellt habe.

Dabei verweise ich ausdrücklich auch auf die Bemerkung, die ich dem ganzen Komplex mit den Schreib- und Stil-Details vorangestellt habe: Für das Schreiben gilt wie für jede Kunst: „Machen kann man alles – wenn man es kann.“ Das heißt: Sie dürfen beim Schreiben jede Vorschrift und jede Faustregel brechen. Sie müssen sich nur bewusst sein, was Sie dabei riskieren.

Also los …

 

Prolog und Epilog – Was ist das?

Im Unterschied zum Vor- oder Nachwort sind Prolog und Epilog erzählende Teile des erzählendes Gesamttextes. Im Vor- oder Nachwort „spricht“ der Autor, der Herausgeber oder jemand anderes über das Buch, über den Autor, gesellschaftliche oder wissenschaftliche Bezüge oder ähnliches. Prolog und Epilog hingegen sind in erster Näherung Kapitel des Buches, Kapitel mit besonderen Eigenschaften.

Die „besonderen Kapitel“

Prolog und Epilog können sich extrem vom Haupttext unterscheiden: Sie können eine andere Zeitform benutzten und/oder aus einer anderen Perspektive erzählen und/oder einen völlig anderen Duktus haben, ja sogar als Lyrik bei einem Prosa-Werk oder Prosa bei einem lyrischen Werk daherkommen.

Prolog und Epilog können sich stark vom Haupttext unterscheiden, müssen es aber nicht. Sie können auch einfach in Ort und/oder Zeit stark vom Haupttext abweichen – also weit entfernt von oder weit vor beziehungsweise nach der Hauptgeschichte spielen. Auch Vorgriffe sind möglich.

Hier steckt auch schon ein häufig gemachter Fehler: Oft ist der Prolog eigentlich das erste Kapitel, das nur per Überschrift zum Prolog deklariert wird. Wenn man „vergisst“, den Prolog zu lesen und es sich anfühlt, als fehle am Anfang was, dann hat man es höchstwahrscheinlich mit dieser Art Fehler zu tun.

Man kann mit Prolog und Epilog arbeiten oder nur mit einem von beidem. Oder auf diese Mittel ganz verzichten. Letzteres ist immer die erste Wahl. Warum? Dazu gleich mehr.

Wozu dient der Prolog?

Der Prolog, so liest man gelegentlich in Schreibforen, diene dazu, mit einer spannenden Szene in das Buch einzusteigen. Und er diene – vor allen in den Phantastik-Genres – dafür, vorab einen Blick in die fremde Welt zu gestatten, so dass der Leser ein erstes Gefühl für die Besonderheiten des Sets bekommt.

Vergessen Sie das!

Natürlich soll der Prolog nicht langweilig sein und natürlich stimmt er den Leser oft auf das Set ein. Aber das ist nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe ist es, einen oder mehrere wesentlichen Elemente zu präsentieren, die nicht anders im Text unterzubringen sind.

Wenn man „vergisst“, den Prolog zu lesen und sich im Laufe des Textes keine Fragen ergeben bzw. wenn nichts wesentlich klarer oder gar umgedeutet wird, wenn man den Prolog im Nachhinein liest, dann hat der Prolog diese Aufgabe nicht erfüllt.

Das heißt nicht, dass ein Prolog, der nicht so unverzichtbar zur Story beiträgt, immer schlecht ist. Aber er ist überflüssig und idealerweise ist in einer Geschichte, einem Buch nichts überflüssig. Da andererseits Prologe aber oft wirklich eher schlecht sind – sie entweder vor Infodumping nur so triefen, beim Versuch der Spannungserzeugung etwas schiefging oder der Prolog so merkbar überflüssig ist, dass man sich ärgert, Zeit daran verschwendet zu haben – sollte man ihn wirklich nur nutzen, wenn es gar nicht anders geht. Und das ist meiner Erfahrung sehr selten der Fall.

Wozu dient der Epilog?

Auch für den Epilog gilt: Er soll etwas Essentielles nachliefern, das aber darf nicht die Essenz des Buches sein. Beispiel: Wenn ein Krimi erzählt, wie der Kommissar den Fall löst, darf die Lösung durch den Kommissar nicht im Epilog stehen. Wenn die Essenz des Krimis darin besteht, dass der Kommissar scheitert, dann darf im Epilog stehen, dass irgendwann irgendwer des Fall löst.

Es gibt noch eine zweite Funktion des Epiloges: Wenn es auch einen Prolog gibt, dann vollendet der Epilog gewissermaßen die Klammer um den Haupttext. Tut er das nicht, ist also ein zweites „Sonderkapitel“, wirkt das meist wie ein Konstruktionsfehler.

 

Merksatz: Benutze die Mittel „Prolog“ und/oder „Epilog“ nur, wenn es gar nicht anders geht.

Der Dexter-Effekt

Kennen Sie Dexter? Dexter Morgan? Ja genau, das ist dieser sympathische Serienkiller aus der Serie „Dexter“, die nur spätabends laufen darf, weil es so blutig darin zugeht. Deshalb – also weil sie immer nur im Spätprogramm läuft und ich deshalb oft Teile verpasste – hatte ich mir vor geraumer Zeit die DVDs zugelegt. Dann war ich erstmal für einen knappen Monat für jede andere Bildschirmkost verloren, denn ich geriet ziemlich schnell in einen Sog, der mich Scheibe um Scheibe einlegen ließ. Dieser Effekt tritt, wenn auch etwas abgeschwächt, noch immer auf, selbst nach drei oder vier Durchläufen.

Aber das ist nicht der Dexter-Effekt, von dem ich reden möchte. Auch wenn es durchaus mal eine tiefere Analyse wert wäre, wie dieser Sog erzeugt wird, denn davon – so eine Spannung zu erzeugen – träumen wohl die meisten Autoren. Doch auch der Effekt, auf den ich hier hinaus will, ist für Schreiber von Belang.

Denn eigentlich ist Dexter gar nicht sympathisch. Er tut nur so. Es ist seine Maske, die – auch wenn sie im Laufe der Zeit immer „echter“ wird – auch auf unsere Wahrnehmung abfärbt. Obwohl wir als Zuschauer wissen, dass Dexter eigentlich alle belügt und sie manipuliert, empfinden wir das als nicht als abstoßend. Weil wir wissen, warum er das tut, und ihm dabei zusehen können, wie er es tut. Obwohl Dexter mordet – und zwar durchaus auch brutal und ganz erklärtermaßen aus Genuss am Töten – sind wir geneigt, nachsichtig zu sein, denn wir wissen, wie er so wurde, und bekommen glaubhaft erzählt, dass er keine Wahl hat. Und – und das ist ganz, ganz wichtig – er tötet nur die Bösen. Selbst dann, wenn er sich vertut und keine Mörder erwischt, hat sein Opfer nur bedingt unser Mitleid. Der große Trick besteht darin, dass wir immer öfter den Eindruck bekommen, dass Dexter ein besserer Mensch ist, als er es von sich glaubt und es uns – er agiert als Ich-Erzähler –„verkaufen“ will. Wir nehmen ihn als Opfer der Umstände wahr, er wird immer mehr zu Gejagten, statt zum Jäger, und immer wieder wird mit der Erwartung gespielt, dass Dexter der Mord-Sucht entkommt und sein Happy End erleben darf. Das übrigens findet nicht statt, auch wenn die letzte Staffel verdammt nah dran lang schrammt.

Die Faszination Dexter entsteht auf den ersten Blick aus diesem Spannungsfeld des offenkundig Bösen, den wir in der Nahsicht als Opfer (und damit unserer Zuneigung berechtigt) und schließlich sogar Liebenden kennenlernen. Und hier auf dieser Gegenseite zu dem Bösen, steckt das, was alle guten Figuren brauchen: Menschlichkeit.

Menschlichkeit bei einem Serienkiller? Nicht, wenn man das Wort als Synonym für „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ benutzt – klar. Wohl aber in dem Sinne, dass sich in ihm das „allzu Menschliche“ immer wieder Bahn bricht. In den ersten Staffeln zum Beispiel der Komplex der zwischenmenschlichen Kommunikation, die viel mehr, als den meisten bewusst ist, von Konventionen, eingeübten Mustern und Erwartungen lebt. Was passiert, wenn man Gefühle unterdrückt. Die Rolle von Masken. Von Vorbildern bzw. Mentoren. Besessenheit. Kontrollverlust und Über-Kontrolliertheit. Einige der Themenkomplexe findet man schon in der Ausrichtung der Staffeln wieder. Familie oder Glauben zum Beispiel. Anderes kommt in den Mordszenen mehr oder weniger kurz zur Sprache, jenen Momenten, in denen Dexter völlig offen und unverstellt mit seinen Opfern spricht. Und immer wieder ist es der Effekt, dass sich Instinkte und Reflexe Bahn brechen, die Dexter von sich nicht erwartet hat und die auch wir nicht erwarten und nur schwer in unser „eigentlich ist Dexter ein guter Mensch“-Schema einfügen können. Für mich gehört zum Beispiel sein Ausraster, in dem er einen Mann, der ihn ein wenig nervt, brutal overkilled, zu den beeindruckendsten der Serie.

Zum Schluss noch ein Eingeständnis: Vielleicht finde ich Dexter auch nur so faszinierend. weil seine Sicht auf „die Menschen“ meiner ähnelt – Beobachter und Beobachteter in einem. Nur das mit dem Morden, das wäre echt nicht mein Ding. Außer auf dem Papier natürlich …

Falsche Tipps: Die Ich-Perspektive

In Schreibforen kursieren viele Tipps und auch die Zahl der regelrechten Schreibratgeber – ob nun als Buch oder per Blog beziehungsweise Homepage – steigt stetig. Manchmal wird da Unfug erzählt, noch öfter passiert es, dass eher vage Faustregeln als DIE Weisheit für alle Lebenslagen verkauft werden.

Nehmen wir zum Beispiel die gern suggerierte Aussage, die Ich-Perspektive sei (neben der Wahl der Gegenwart als Erzählzeitform) DAS Mittel, einen unmittelbaren Text zu erzeugen und den Leser so richtig tief ins Geschehen zu holen.

Es stimmt tatsächlich, dass man als Leser, der den Ich-Erzähler begleitet bzw. ihm zuhört, eine Nah-Sicht auf das Geschehen bekommen kann. Vorausgesetzt, der Ich-Erzähler hat diese Nah-Sicht auch. Das ist zwar meist der Fall – in der Regel ist dieses Ich an der Handlung beteiligt oder sogar Hauptfigur – aber nicht zwingend.

Es stimmt auch, dass ein Ich-Erzähler sehr unmittelbar seine Gedanken und Gefühle zum Geschehen äußern und damit dem Leser mitteilen kann. Auch das ist zwar in den vom Ich-Erzähler stark geprägten Genres oft der Fall, aber es ist noch weniger zwingend als die Nah-Sicht. Zum anderen ist dieses Zeigen von Gefühlen und Gedanken durchaus nicht an die Ich-Perspektive gebunden – in der personalen Erzählweise wird es fast ebenso ausgiebig praktiziert und auch bei einem auktorialen Erzähler ist das durchaus eine Option.

De facto entbindet die Wahl des Ich-Erzählers als Perspektive nicht davon, all die Mittel zu nutzen, die auch bei jeder anderen Perspektive für den gewünschten Abstand (hier also die Nähe und „Einbindung“ des Lesers) sorgt. Das beginnt mit der Glaubwürdigkeit von Figuren und Plot, reicht über ein wirkungsvolles Infomanagement (zum Spiel mit der Spannung) bis hin zu stilistischen Aspekten wie Sound und Rhythmus.

Um nicht missverstanden zu werden: Dies hier ist kein Plädoyer gegen die Ich-Perspektive. Es ist nur eines gegen den Glauben, das sei ein hinreichendes Mittel, um den Leser „in den Text zu holen“. Dieser Irrtum führt nämlich oft genug dazu, dass Autoren sich den Schwierigkeiten und Zwängen, die diese Perspektive mit sich bringt, aussetzen – und dabei nicht selten Fehler machen –, ohne zugleich deren spezielle Möglichkeiten zu nutzen. Oft kommt einfach nur ein Text heraus, der ohne jeglichen Verlust oder Gewinn in eine personale Erzählweise übertragen werden könnte.

Was genau also kann die Ich-Perspektive?

Wie in einer sehr eng an der Figur gehaltenen personellen Erzählweise kann man mit dem Ich-Erzähler den Erlebensfokus extrem dicht an der entsprechenden Figur halten. Emotionen, Gedanken, Abwägungsvorgänge oder ihr Fehlen sind organischer Bestandteil dieser Perspektive. Das geht aber – wie schon erwähnt – auch ohne große Mühe mit der personellen Erzählweise.

Sinnvoll ist diese Perspektive, wenn der Ich-Erzähler etwas Erinnertes erzählt. Das heißt, dass der Ich-Erzähler vorgreifen oder Hintergründe und Zusammenhänge, von denen er später erfahren hat, zeigen kann. (Was sich bei den ich-lastigen Genres allerdings in der Regel damit beißt, dass diese auch noch die Gegenwartsform als Unmittelbarkeitswerkzeug bevorzugen. Aber dazu ein andermal.) Wenn es nur darum geht, tut es ein auktorialer Erzähler aber genauso gut.

Im Tagebuch-Roman (u. ä.) kann das Rückgreifen und Erhellen der Zusammenhänge in besonderer Weise gestaltet werden. Das ist eine typische Ich-Erzähler-Situation. Höchstens ein als Ich erkennbarer Fremderzähler passt hier noch; damit meine ich ein Ich, das zwar nicht an den erzählten Ereignissen beteiligt ist, aber von ihnen Kenntnis bekommt und nun erzählt, wie er/sie was erfahren hat.

In besonderem Maße ist die Ich-Perspektive aber geeignet, wenn es um den nicht vertrauenswürdigen Erzähler geht.

Das kann heißen, dass der Ich-Erzähler Dinge nicht objektiv wahrnimmt und also auch nicht so wiedergibt, wie sie wirklich sind/waren. Idealerweise (also wenn der Autor das geschickt macht) merkt der Leser aber irgendwann, dass hier eine verschobene Wahrnehmung oder sogar ein Selbstbetrug stattfindet. So etwas geht nur unter Mühen bei der personellen Erzählweise, und es geht nicht beim objektiven/neutralen Beobachter oder auktorialen Erzähler – in diesen beiden Fällen müsste explizit gekennzeichnet sein, wenn die Figur sich irrt.

Noch extremer ist der unglaubwürdige Erzähler, wenn er gezielt lügt. Etwas, was in der personalen Erzählweise so nicht möglich ist – da kann man die Figur zwar in ihrer Rede lügen lassen, aber nicht in den wiedergegebenen Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen.

Auch das stark manipulierende Erzählen ist am plausibelsten mit einem Ich-Erzähler oder einem als Ich erkennbaren Fremd-Erzähler (der nicht an der Story beteiligt war/ist, die er erzählt). Damit meine ich den Effekt, dass die Worte so gewählt werden, dass sie der Wahrheit entsprechen, im Leser/Zuhörer aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein falsches Bild erzeugen. Gezieltes Weglassen, manipulierende Detailinfos, zielgerichtete Mehrdeutigkeiten, Ausnutzen von sprachlichen Spielräumen etc. sind dafür typische Mittel.

Summa summarum: Die Ich-Perspektive ermöglicht Nähe und Unmittelbarkeit, garantiert sie aber nicht. Sie schafft Vertrauen in den Erzähler und ist zugleich ideal, dieses zu erschüttern. Die Ich-Perspektive ist ein Stilmittel – eines von vielen anderen, die ebenso keine Geling-Garantie bieten. Es gilt wie immer: Kann man machen – wenn man es kann.

Zipp zum Thema Perspektive: Robert Corvus auf youtube